Dekalog: Das sechste Gebot

Dr. Christian Schwark erklärt in dieser Artikelserie die 10 Gebote (nach reformierter Zählung). Diese Artikel sind bereits bei idea erschienen.
Der Artikel wird von einer Video-Predigt von Pfarrer Schwark ergänzt.

Alle Texte dieser Serie können auch als Hardcover Buch im Lichtzeichenverlag bestellt werden.

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Das sechste Gebot: Du sollst nicht töten (2. Mose 20,13)

Das Gebot hat es in sich. Es betrifft nicht nur das Töten, für das es vor Gericht lebenslänglich gibt. Sondern noch vieles mehr. Fragen wir zuerst nach dem Wortlaut des Gebotes: Das hebräische Wort, das hier steht, heißt wörtlich „morden“. Das heißt, es geht hier um mehr als bloßes Töten. Von der Bibel her ist es z.B. nicht grundsätzlich falsch, dass es eine Armee und die Polizei gibt, die unter Umständen töten müssen. Im Römerbrief schreibt Paulus, dass die Obrigkeit das Schwert nicht umsonst führt (Römer 13,4). Ich stelle mir vor, wie unser Land aussehen würde ohne die Polizei. Oder was aus Deutschland geworden wäre, wenn die Alliierten im Zweiten Weltkrieg nicht gegen Hitler gekämpft hätten. Wir sehen: Es ist nicht so einfach mit dem Töten. Andererseits kann es auch beim Militär oder bei der Polizei Situationen geben, wie ein Christ sagen muss: „Da mache ich nicht mit!“ Wo diese Grenze verläuft, kann auch eine Gewissensentscheidung sein. Darum ist es gut, dass in unserem Land niemand dazu gezwungen ist, Soldat oder Polizist zu werden. Es gibt also Bereiche, wo wir eine gewisse Offenheit brauchen, wenn wir dieses Gebot auslegen. Unter Christen gibt es z.B. verschiedene Meinungen zum Thema Todesstrafe oder Organspende. Zur Todesstrafe kann ich nur sagen, sie hat ein großes Problem: Wenn ein Mensch zum Tod verurteilt wird, nimmt man ihm die Möglichkeit der Umkehr. Viele sind ja im Gefängnis zum Glauben gekommen. Und zur Organspende ist eine eindeutige Meinung sehr schwierig. Alles hängt an der Frage: Ab wann ist ein Mensch wirklich tot? Auch da kann nur jeder nach seinem Gewissen entscheiden. Wir sehen: Es gibt viele offene Fragen. Das heißt aber  nicht, dass das Gebot „Du sollst nicht töten“ völlig beliebig wäre. Vieles ist auch eindeutig.

Dass es nicht in Ordnung ist, einen anderen Menschen umzubringen, ist relativ einleuchtend. Viele denken: „Ja, das tue ich doch nicht. Ich bin doch kein Mörder.“ Das Problem ist nur: Die Leute, die tatsächlich jemand umgebracht haben, haben das sicher auch einmal von sich gedacht. Morde sind ja oft nicht von langer Hand geplant. Sondern geschehen ganz plötzlich. Im Affekt, wie es dann heißt. Oft wenn Leute zu viel Alkohol getrunken haben. Oder wenn ein Streit eskaliert. Dann gibt ein Wort das andere, man wird handgreiflich. Und es kann zum Mord kommen. Meinen Sie, so etwas könnte Ihnen nie passieren? Ich glaube, letztlich kann da keiner von uns die Hand für sich ins Feuer legen. Was können wir tun? Wir können darauf achten, dass es gar nicht so weit kommt. Also aufpassen, dass wir nicht zu viel Alkohol trinken. Und bei einem Streit rechtzeitig entschärfen. Z.B. überlegen: Können wir nicht noch mal in Ruhe darüber reden? Und dabei nicht den anderen beschimpfen. Damit fängt das Töten schon an, wie Jesus uns in der Bergpredigt sagt (Matthäus 5,22). Und wenn man nicht vernünftig miteinander reden kann? Dann kann es gut sein, erst einmal Abstand zu haben. Morgen sieht die Sache vielleicht schon wieder anders aus.

Manches Töten geschieht unabsichtlich. Wie ist das z.B. im Straßenverkehr? Wohl kaum einer setzt sich ins Auto und sagt: „Jetzt will ich mal einen anderen töten.“ Aber wie leicht ist man einfach zu schnell gefahren. Mit 30 hätte man in der Wohnstraße noch anhalten können, als das Kind auf die Straße gelaufen ist. Mit 50 oder 60 aber nicht mehr. Im Strafrecht heißt das „fahrlässige Tötung“. Ich gebe zu, mir fällt es auch schwer, nicht zu schnell zu fahren. Aber auch unsere Fahrweise hat mit dem Gebot „Du sollst nicht töten“ zu tun. Vielleicht können wir auch missionarischer sein, wenn wir uns im Auto zurückhalten. Schon oft haben mir Christen gesagt: „Einen frommen Aufkleber will ich nicht auf meinem Auto haben. Wenn die Leute sehen, wie ich fahre, macht das keinen so guten Eindruck.“ Mit der entsprechenden Fahrweise steht einem Aufkleber nichts mehr im Wege.

In unserer Gesellschaft heiß diskutiert wird das Leben am Anfang und am Ende. An Anfang, das heißt im Mutterleib. Ist Abtreibung Töten? Mancher sagt: „Nein, der Embryo ist noch kein vollwertiger Mensch.“ Die Bibel ist da anderer Meinung. In Psalm 139,13 heißt es z.B.: „Du hast mich im Mutterleib bereitet.“ Jesaja schreibt sogar, dass er im Mutterleib bereits berufen wurde (Jesaja 49,1+5). Offensichtlich fängt der Mensch nicht erst an zu existieren, wenn er geboren wird. Sonden er ist schon vorher eine Persönlichkeit. Untersuchungen zeigen z.B., dass Kinder im Mutterleib hören, was ihre Mutter sagt. Meine Frau hat darum unseren Kindern schon vor der Geburt christliche Lieder vorgesungen. Dass das Baby im Mutterleib schon richtiges Leben ist, kann uns neu klar werden, wenn wir sehen, was da schon alles passiert. Ich glaube kaum, dass eine Mutter, die das Herz ihres Kindes im Mutterleib schlagen sieht, sagen wird: „Das ist nur ein Zellklumpen.“ Und kennen Sie Tim? Tim ist ein Kind, das seine eigene Antreibung überlebt hat. Der kleine Junge lebte noch, als er gewaltsam aus dem Mutterleib geholt wurde. Man ließ ihn einfach liegen. Erst Stunden später konnte man sich dazu entscheiden, ihn ärztlich zu behandeln. Aber der Junge hielt durch. Bis er am 4. Januar 2019 mit 21 Jahren verstarb. Es ist erschreckend, wie in unserer Gesellschaft mit dem Thema „Abtreibung“ umgegangen wird. Der „Marsch für das Leben“ in Berlin wird regelmäßig von Gegendemonstranten gestört. Da fallen Sprüche wie: „Hätte Maria abgetrieben, wäret ihr uns erspart geblieben!“ Oder auch: „Oral, anal statt christlicher Moral!“ Nun wäre es aber auch zu billig, nur zu sagen: „Wie böse, dass Frauen abtreiben!“ Viele Frauen sind ja tatsächlich in einer Notsituation. Darum ist es wichtig, dass wir als Christen hier ganz konkret helfen. Übrigens: Ganz oft sind es gar nicht die Frauen, die abtreiben wollen. Sondern Männer, die Frauen unter Druck setzen. Manchmal sogar erpressen, nach dem Motto: „Entscheide dich – entweder das Kind oder ich.“ Da ist es ganz wichtig, dass eine Frau nicht allein gelassen wird. Besonders groß ist der Druck, wenn sich abzeichnet: Das Kind wird behindert. Dann wird einem die Abtreibung oft geradezu nahegelegt. Die Frage ist: Hat ein behindertes Kind weniger Recht zu leben als ein nichtbehindertes?

Ich erwähnte den Anfang und das Ende des Lebens. Auch am Ende des Lebens ist das Leben in unserer Gesellschaft gefährdet. Viele sagen: „Ja, so an Schläuchen angeschlossen sein, das ist doch kein Leben. Das will ich nicht.“ So zu denken, ist völlig in Ordnung. Darum gibt es bei uns Patientenverfügungen. Da kann man sich entscheiden, ob man bestimmte lebensverlängernde Maßnahmen möchte oder nicht. Schwierig ist nur, wenn da ein Druck entsteht. So nach dem Motto. „Irgendwann wirst du uns zu teuer.“ Der 2014 verstorbene Journalist und Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Frank Schirrmacher schrieb: „In den Mienen und im Augenspiel der wenigen Jungen lesen wir das Urteil oder den Vorwurf, die Hoffnung oder Frage…: Warum seid ihr nicht tot? … Die heutigen 30-bis 50-Jährigen müssen rechtzeitig sterben, damit die Rechnungen aufgehen. Unserer gestiegenen biologischen Lebenserwartung steht eine gesellschaftliche Sterblichkeitserwartung gegenüber. Sie lautet: Stirb rechtzeitig.“ (Frank Schirrmacher, Das Methusalem-Komplott, München 2004, S.16;23). Bei solchen Überlegungen ist dann der Weg zur aktiven Sterbehilfe nicht weit. Dass man dann sagt: „Geben wir ihm doch die erlösende Giftspritze. Wir wollen ihn doch nicht länger leiden lassen.“ So etwas ist auch töten. Die Frage lautet wieder: Welchen Wert hat das Leben? Haben nur junge und gesunde Menschen das Recht zu leben?

Beim Thema „Töten“ kommt manchmal noch eine andere Frage: die der Selbsttötung. Darf ein Mensch sich selbst das Leben nehmen? Ich kann dazu nur sagen: Sich selbst zu töten ist auch Töten. Gott hat uns das Leben gegeben. Und er möchte nicht, dass wir es uns selbst wieder nehmen. Denn er kann noch viel aus unserem Leben machen. „Was soll Gott mit meinem Leben schon anfangen?“, fragt sich vielleicht jemand. Es gibt Situationen, da sind Menschen wirklich verzweifelt. Und sehen keinen Sinn mehr in ihrem Leben. Dann brauchen sie Hilfe. Darum ist es gut und wichtig, dass wir aufeinander achten. Und Menschen beistehen, die vielleicht sagen: „Hoffentlich lebe ich nicht mehr lange.“ Bei Gott ist jedes Leben wertvoll. Auch dann, wenn wir keinen Sinn mehr sehen. Wer mit Selbstmordgedanken spielt, dem kann es helfen zu fragen: „Welche Menschen wären sehr, sehr traurig, wenn ich diesen Schritt gehen würde?“ Früher war die Kirche an dieser Stelle ganz hart. Ein Selbstmörder durfte nicht kirchlich bestattet werden. Gott möchte nicht, dass wir uns selbst das Leben nehmen. Aber diese Schuld kann genauso vergeben werden wie andere Schuld. „Ja, aber das ist das letzte, was einer gemacht hat“, wendet einer ein. Richtig. Aber ich frage zurück: „Wie ist das z.B., wenn ein Christ lügt und direkt danach einen Herzanfall bekommt? Kommt der dann in die Hölle, nur weil seine letzte Tat vor dem Tod eine Lüge war?“ Wenn Jesus für unsere Schuld gestorben ist, dann gilt das auch für die Schuld, die wir als Letztes auf uns laden. Manche kennen vielleicht den Liederdichter Johann Klepper (1903-1942). Im Evangelischen Gesangbuch gibt es einige Lieder von ihm. Z.B. das Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen“. Oder das Lied: „Gott weckt mich alle Morgen“. Klepper lebte in der Nazizeit und hatte eine jüdische Frau. Die Nazis verlangten, dass er sich von ihr scheiden lässt. Das konnte er nicht. Also war klar: Beide würden ins KZ kommen. Da nahmen sich beide aus lauter Verzweifelung das Leben. Das war nicht richtig. Aber trotzdem glaube ich, ich werde Jochen Klepper in Gottes Ewigkeit treffen. Denn er hat an Jesus geglaubt. Und darum beerdigen wir heute Menschen, die sich das Leben genommen haben, genauso wie andere. Weil Gottes Gnade größer ist als unsere Schuld. Übrigens auch größer als die Schuld, die wir vielleicht auf uns geladen haben, wenn ein Mensch freiwillig aus dem Leben scheidet. Angehörige und Freunde machen sich dann oft Vorwürfe. Und es steht die Frage im Raum: „Hätten wir das nicht verhindern können?“ Oft konnte man tatsächlich nicht viel machen. Mancher ist auch psychisch krank und nimmt sich das Leben in einer Depression. Aber auch dann wenn wir etwas versäumt und falsch gemacht haben, sagt Jesus uns zu: „Auch dafür bin ich gestorben.“

Es gibt noch eine andere Form der Selbsttötung. Die geschieht nicht aus Verzweifelung. Sondern sozusagen nebenbei. Auf Raten. Das ist ein ungesunder Lebensstil. Es ist eindeutig erwiesen, dass Raucher im Durchschnitt mehrere Jahre früher sterben als Nichtraucher. Auch Alkohol kann den Körper vergiften. Dazu kommt die Frage nach dem, was wir essen und wie wir uns bewegen. Wir dürfen natürlich nicht gesetzlich sein. Es stimmt nicht, wenn es heißt: Ein Christ darf keinen Alkohol trinken. Und ich spreche auch keinem Raucher das Christsein ab. Der Schuss kann ja auch nach hinten losgehen. Wer ständig Angst hat, etwas Ungesundes zu tun oder zu essen, der kann schon vor lauter Angst früher sterben. Wir dürfen hier also nicht übertreiben. Aber es ist schon gut zu fragen: Lebe ich so, dass ich den Körper, den Gott mir gegeben hat, gut erhalte? Paulus hat einmal geschrieben, dass der Körper von Christen ein Tempel des Heiligen Geistes ist (1. Korinther 6,19). Und in einem Tempel verteilt man ja auch nicht haufenweise Müll und Dreck. Darum können wir fragen: Wie gehen wir mit unserem Körper um?

Und noch eine Möglichkeit will ich andeuten, wie Töten geschehen kann: durch Ungerechtigkeit. Wer arm ist, stirbt statistisch früher als Reiche. Erst recht in Ländern mit schlechter ärztlicher Versorgung ist die Lebenserwartung geringer. Zum Gebot „Du sollst nicht töten“ gehört also auch die Frage: Wie gehen wir mit unserem Reichtum um? Sind wir bereit, mit anderen zu teilen? Damit sie auch leben und überleben können wie wir. Schließlich können wir als letzte Form des Tötens auch noch das sinnlose Töten von Tieren erwähnen, was vielfach geschieht. Menschen haben das Recht, auch Tiere zu essen. So steht es in 1. Mose 9,3. Aber das ist kein Freibrief dazu, Tiere sinnlos zu vernichten oder zu quälen. Auch sie gehören zu Gottes Schöpfung.

Töten hat viele Dimensionen. Nicht nur das, was vor Gericht verhandelt wird. Wir können fragen: Wo ist es für uns eine Herausforderung, das Leben zu erhalten?