Dekalog: Das achte Gebot

15.02.2020   

Dr. Christian Schwark erklärt in dieser Artikelserie die 10 Gebote (nach reformierter Zählung). Diese Artikel sind bereits bei idea erschienen.
Der Artikel wird von einer Video-Predigt von Pfarrer Schwark ergänzt.

Alle Texte dieser Serie können auch als Hardcover Buch im Lichtzeichenverlag bestellt werden.

Das achte Gebot: Du sollst nicht stehlen (2. Mose 20,15)

Ich liege im Bett und schlafe. Auf einmal wache ich auf. Ein dumpfes Geräusch holt mich aus meinen Träumen. Als ich wach bin, werde ich stutzig. Das hört sich so an, als ob jemand irgendwo gegenschlägt. Das kommt mir komisch vor. Ich gehe nach unten und mache das Licht an. Auf einmal sehe ich, wie sich zwei Gestalten hektisch von unserer Terrasse entfernen. Zwei Einbrecher. Ich war gerade noch rechtzeitig, bevor sie die Terrassentür aufgebrochen haben. Es ist schon ein mulmiges Gefühl, so etwas zu erleben. Und das ist kein Einzelfall. In Deutschland gibt es pro Jahr etwa 150.000 Einbrüche. Wir sehen: Das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ betrifft uns sehr konkret.

Wir sollen das Eigentum anderer achten und nicht stehlen. Was bedeutet das?

Relativ eindeutig ist, dass Diebstahl nicht im Sinne Gottes ist. In Epheserbrief schreibt Paulus: „Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr.“ (Epheser 4,28) Nun lesen diesen Text wahrscheinlich nicht viele Leute, die in der letzten Woche etwas im Geschäft gestohlen haben. Die vielleicht im Supermarkt ein Paket Butter haben mitgehen lassen. Aber es gibt Situationen, da ist das Stehlen schon verbreiteter. In nenne mal ein paar Beispiele: Wie ist das z.B. auf der Arbeit? Da nimmt man vielleicht nur mal ein paar Kugelschreiber mit. Oder einen Block Papier. Ist doch nur eine Kleinigkeit. Oder man denkt: „Die Firma hat’s doch.“ Auch das ist Stehlen. Und Kleinvieh macht ja bekanntlich auch Mist. Es las von einem Programmierer, der bei einer Bank arbeitete. Er rechnete immer die Zinsen aus, die den Bankkunden zustanden. Dabei rundete er jeweils so ab, dass ein paar zehntel Cent übrig waren. Die zweigte er für sich selbst ab. Das fiel lange nicht auf. Sind ja nur winzige Beträge. Aber auf die Dauer kam da einiges zusammen. Mehrere Tausend Euro. Als es aufflog, wurde er angezeigt. Zu Recht.

Man kann bei der Arbeit auch indirekt stehlen. Man kommt z.B. immer 10 Minuten zu spät. Oder macht jeden Tag 10 Minuten zusätzliche Pause. Sind ja vielleicht nur ein paar private Nachrichten auf dem Computer oder auf dem Smartphone. Innerhalb eines Jahres kommt so eine ganze Arbeitswoche zusammen. Eine Arbeitswoche, die bezahlt wird, aber in der nicht gearbeitet wurde. Auch eine Form von Stehlen. Natürlich kann eine Firma selbst entscheiden, wie sie mit so etwas umgeht. Wenn der Chef alles locker sieht und sagt, „Ist kein Problem“, ist das auch kein Stehlen. Dann ist das in Ordnung. Nur: Als Mitarbeiter kann ich das nicht selbst entscheiden. Wenn ich von mir aus entscheide, etwas mitgehen zu lassen, ist das stehlen. Man kann auch bewusst langsam oder schluderig arbeiten. Vielleicht weil man sich gerade über den Chef geärgert hat und sich denkt. „Irgendwie muss ich es ihm ja heimzahlen!“

Stehlen im Wirtschaftleben kann auch noch anders aussehen. Sehr verdeckt. Da ist Korruption. Wer Bestechungsgelder annimmt oder zahlt, stiehlt auf indirekte Weise. Da werden Leistungen teurer als sie eigentlich sein müssten. Irgendwer zahlt immer drauf, wenn bestochen wird. Außerdem wird Vertrauen untergraben, wenn es nicht ehrlich zugeht in der Wirtschaft. Auf Dauer kann eine Wirtschaft so nicht funktionieren. Mit entsprechenden Folgen für uns alle. Das Gleiche gilt bei Veruntreuung. Wenn jemand irgendwelche Gelder anvertraut sind. Und man da nicht ganz ehrlich ist. Darum ist es gut, dass wir in solchen Dingen ganz genau sind. Bei uns in der Gemeinde gibt es z.B. regelmäßige Kassenprüfungen.

Ein anderes Beispiel: der Staat. Viele Leute sagen: „Der Staat gibt für so viele unsinnige Dinge Geld aus, da kann man doch bei den Steuern ein bisschen tricksen.“ Da wo der Staat selbst legale Möglichkeiten gibt, Steuern zu sparen, kann man das natürlich in Anspruch nehmen. Man kann z.B. Spenden von der Steuer absetzen. Dann bekommt man etwas zurück und kann wieder mehr spenden. Aber Betrug bei der Steuer ist auch Diebstahl. Wenn man ein paar Nebeneinkünfte verschweigt etwa. Oder wenn das private Essen in der Steuerklärung auf einmal ein Geschäftsessen ist. Aber ist es nicht ein Argument, dass der Staat so viel Falsches mit dem Geld macht? Es mag sein, dass viel Unsinniges mit Steuergeldern geschieht. Aber in der Bibel ist ganz eindeutig, dass wir bei der Steuer ehrlich sein sollen. Der römische Staat war aus christlicher Sicht bestimmt nicht besser als unsere Bundesrepublik heute. Da wurden sogar Christen auf Staatskosten verfolgt. Man hätte annehmen können, dass Jesus gesagt hat: „Einem solchen Staat zahlen wir doch keine Steuern.“ Man hat versucht, ihn mit dieser Frage aufs Glatteis zu führen. Seine Antwort: „So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und gebt Gott, was Gottes ist!“ (Matthäus 22,21) Also: Das Steuergeld soll man dem Kaiser bezahlen. Genauso sieht es auch Paulus in Römer 13, wo er in Vers 6 selbstverständlich davon ausgeht, dass Christen Steuern zahlen. Also haben wir hier ein Bewährungsfeld für das Gebot „Du sollst nicht stehlen“.

Noch ein drittes Beispiel: Wie gehen wir mit Eigentum im Internet um? Die Versuchung ist groß, sich da etwas illegal herunterzuladen. Wenn man die richtigen Programme benutzt, ist die Chance, entdeckt zu werden, verschwindend gering. Die Künstler und die Produzenten haben dann das Nachsehen. Auch eine Form des Stehlens.

Zum Thema Stehlen noch eine interessante Frage. Gibt es eigentlich Situationen, in denen Stehlen erlaubt ist? Nach dem Zweiten Weltkrieg hungerten viele Menschen in Deutschland. In dieser Zeit war Joseph Frings (1889-1978) Erzbischof in Köln. Er sagte in der Predigt am 31. Dezember 1946: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder durch Bitten, nicht erlangen kann.“ Daraufhin wurde in Köln und darüber hinaus das einfache Stehlen von Nahrungsmitteln und Kohle als „Fringsen“ bezeichnet. Was meinen Sie? Hatte Frings Recht? Schauen wir in die Bibel. Da lesen wir, dass in 5. Mose 23,25 und 26, dass unmittelbare Mundraub in fremden Weinbergen und Getreidefeldern kein Diebstahl ist. Man darf aber nichts in Gefäße tun. Bei Jesus gibt es eine Geschichte, in der die Jünger auf dem Weg Ähren ausraufen (Matthäus 12,1-8). Jesus wird vorgeworfen, dass das am Sabbat, also am Feiertag geschah. Aber nicht, dass es Diebstahl war. Insofern hatte Frings recht, wenn es wirklich um Mundraub geht. Übrigens hat Frings in seiner Predigt gesagt, und das wurde oft überhört: „Aber ich glaube, dass in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist. Und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückgeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott.“ Bei uns ist das wohl eher nicht so das Problem, dass wir unter Hunger leiden. Also kann man sich auch nicht auf Mundraub berufen, wenn man irgendwo etwas mitgehen lässt. Dementsprechend ist Mundraub in Deutschland verboten.

Letztlich geht es beim Stehlen nicht zuerst um den formalen Akt. Sondern darum, ob ich das Eigentum des anderen achte. Und damit auch, ob ich ihn selbst achte. Wenn ich einem anderem etwas stehle, zeigt ich damit: Ich werte meine Bedürfnisse höher als die des anderen. Wie bei den anderen Geboten ist also auch bei dem Gebot „Du sollst nicht stehlen“ die Frage: Wie sieht es in meinem Herzen aus? Liebe ich meinen Mitmenschen? Oder denke ich zuerst an das, was ich gerade will oder meine zu brauchen? Wenn wir merken, dass stehlen auf die eine oder andere Weise für uns ein Problem ist, können wir überlegen: Woran liegt das eigentlich? Warum glaube ich, das tun zu müssen? Gottes Wort kann helfen, neue Maßstäbe im Leben zu bekommen. Und zu erfahren: Ich habe es gar nicht nötig zu stehlen. Weil Gott mir letztlich alles gibt, was ich brauche. Übrigens werden in Hotelzimmern, in denen eine Bibel ausliegt, nachweislich weniger Handtücher gestohlen als sonst. Ein interessanter Zusammenhang.

Eine Ursache, warum Menschen stehlen, ist eine Eigenschaft, die viele von uns haben. Sie soll bei Männern noch verbreiteter sein als bei Frauen. Das ist der Geiz. Wer geizig ist, hat immer Angst zu wenig zu haben. Und gönnt anderen nichts. Da ist der Weg zum Stehlen manchmal nicht mehr weit. Man könnte auch fragen, ob der Geiz nicht auch dann eine Art von Diebstahl ist. Auch wenn strafrechtlich nichts vorliegt. Wie ist das z.B., wenn ein Mann geizig ist und seiner Frau nichts gönnt. Wenn er z.B. von ihr verlangt, immer nur das Billigste zu kaufen, sich selbst aber ein teures Auto leistet. Ist das nicht auch eine Art von Stehlen? Indem er ihr das wegnimmt, was ihr eigentlich zusteht? Man könnte noch weiter fragen: Ist es nicht auch stehlen, wenn wir armen Menschen das vorenthalten, was wir ihnen abgeben könnten? Leider ist der Geiz bei uns weit verbreitet. Paulus schreibt in 1. Timotheus 6,10 dass die Geldgier eine Wurzel alles Übels ist. Das Gebot „Du sollst nicht stehlen“ hat es also in sich. Mancher denkt bei diesem Gebot: Das ist nicht mein Problem. Aber auf den zweiten Blick sehen wir: Auch dieses Gebot trifft uns mitten ins Herz. Es will uns frei machen von allem Geiz und von aller Habsucht. Eine Haltung, die sicher die allermeisten von uns kennen.

Übrigens ist Jesus ein gutes Vorbild darin, von Geiz und Habsucht frei zu sein. Jesus wollte nie etwas für sich. Und schon gar nicht hat er anderen etwas weggenommen. Im Gegenteil: Er hat alles gegeben. Sogar sein Leben. Um uns unsere Schuld zu vergeben. Auch unseren Geiz und unsere Habsucht. Wenn jemand von uns meint: „Ja, das ist mein Problem“, dann mache ich Ihnen Mut: Bekennen Sie das wie andere Schuld auch. Und lassen Sie sich neu von Jesus zusagen: „Ich habe diese Schuld für dich getragen am Kreuz.“ Das kann uns innerlich frei machen. Und verändern.

Ein schönes biblisches Beispiel dafür ist der Zöllner Zachäus (Lukas 19,1-10). Viele kennen die Geschichte, wie er, der kleine Mann, auf den Baum kletterte. Um Jesus sehen zu können. Und wie Jesus dann bei ihm zum Essen gegangen ist. Zachäus hatte reichlich gestohlen. Er hatte als Zöllner den Leuten das Geld aus der Tasche gezogen und sich selbst die Taschen vollgemacht. Was passierte, als Jesus zu ihm kam? Auf einmal sagte er: „Da, wo ich jemanden betrogen habe, gebe ich es vierfach zurück. und die Hälfte meines Vermögens gebe ich den Armen.“ Wie kam er dazu? Das steht in der Bibel nicht. Ich kann es mir nur so erklären: Zachäus war überwältigt von Jesus. Dass er ihn liebt. Ihn, der von allen anderen abgelehnt wird. Ihn, der so viel Unrechtes getan hatte. Dann dachte er: „Wie reich bin ich dadurch doch! Wofür brauche ich dann noch so viel Geld? Das macht mich doch eher unglücklich. Und es ist doch viel besser, ehrlich zu sein.“ So konnte er von seinem Geld etwas abgeben und wieder gut machen, wo er nicht ehrlich war. Ein schönes Beispiel wie Jesus einen Menschen verändern kann.

Wir haben einiges gesehen zum Gebot „Du sollt nicht stehlen“. Manches hört sich vielleicht etwas fordernd an. So nach dem Motto: „Das darfst du nicht, und da musst du auch vorsichtig sein!“ Was uns helfen kann, ist zu sehen: Das Gebot nützt ja auch uns selbst. Wenn Menschen danach leben, hilft das nicht nur anderen, sondern auch uns. Auch unser Eigentum wird ja dann geachtet. Ich freue mich jedenfalls, dass es mir bisher erst einmal passiert ist, dass ich nachts Einbrecher gehört habe. Und es hilft, innerlich frei zu sein von Geld und Besitz. Darum ist es gut, dass Gott uns das Gebot gegeben hat „Du sollst nicht stehlen“.