„Die Juden zuerst“

11.11.2016   

Der folgende Kommentar von Ulrich Parzany erschien am 10.11.2016 im Nachrichtenmagazin idea; http://www.idea.de/spektrum/detail/die-juden-zuerst-98898.html

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat am 9. November 2016 in Magdeburg verboten, was in den evangelischen Kirchen sowieso keiner tut: Judenmission. Haben die sonst keine Probleme?, könnte man fragen. Na, die haben dicke Probleme. Und das zeigt sich auch an diesem Beschluss.

Es gibt nach dem schrecklichen Morden an Juden in der nationalsozialistischen Zeit wieder über 200.000 Juden in Deutschland. Gott sei Dank! Unter ihnen einige Hundert, die an Jesus, den Messias, glauben. Sie nennen sich Messianische Juden. Ich kenne einige von ihnen. Manche sind als Atheisten in der Sowjetunion aufgewachsen. Sie haben durch den Glauben an Jesus ihre jüdische Identität neu verstanden. Sie sind wie Petrus und Paulus nicht vom Judentum zum Christentum übergetreten. Für sie erfüllt sich in dem Messias Jesus die Hoffnung Israels.

Sie sind und bleiben Juden. Sie haben eine große Liebe zu ihrem jüdischen Volk – wie Paulus, der immer zuerst in die Synagogen gegangen ist, um dort den Messias Jesus, den Retter Israels und der Völker, zu verkünden.

Der EKD-Beschluss muss für Messianische Juden völlig unverständlich sein

Was die EKD-Synode beschlossen hat, muss für diese Juden völlig unverständlich sein, denn da heißt es: „Christen sind – ungeachtet ihrer Sendung in die Welt – nicht berufen, Israel den Weg zu Gott und seinem Heil zu weisen. Alle Bemühungen, Juden zum Religionswechsel zu bewegen, widersprechen dem Bekenntnis zur Treue Gottes und der Erwählung Israels.“

Paulus gehörte in der Großstadt Antiochien in Syrien zu der Gemeinde aus Juden und Nichtjuden, die zuerst als „Christen“ bezeichnet wurden (Apostelgeschichte 11,26). Und selbstverständlich sind alle Jesus-Nachfolger – Juden und Nichtjuden – berufen, allen Menschen das Heil in Jesus zu verkünden. Im Römerbrief beschreibt Paulus die unverbrüchliche Treue Gottes zu seinem erwählten Volk Israel bis zum Ende der Geschichte. Und gerade darum ruft er Juden und Heiden zum Glauben an Jesus. „Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die rettet alle, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen“ (Römer 1,16).

Was nicht gesagt werden soll

Was bildet sich eigentlich eine Kirchensynode ein – und ausgerechnet eine deutsche –, dass sie meint, sie könnte die messianischen Juden einfach ignorieren. Man erwähnt sie nicht einmal, aber verbietet ihnen quasi, ihrem Volk das Evangelium von Jesus zu sagen? Sie sollen nicht sagen dürfen, was Petrus und Johannes vor der Regierung in Jerusalem von dem gekreuzigten und auferstandenen Jesus gesagt haben: „Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen gerettet werden“ (Apostelgeschichte 4,12).

Bei der EKD-Synode 1999 in Leipzig war alles ganz anders

Vergesslich scheinen die Verantwortlichen in der Evangelischen Kirche auch zu sein. Auf der EKD-Synode 1999 in Leipzig hielt der hoch angesehene Theologieprofessor Eberhard Jüngel (Tübingen) das Einführungsreferat zum Thema „Der missionarische Auftrag der Kirche“. Ich war Zeuge, wie dieser langjährige Vorsitzende der Kammer für Theologie der EKD auch zum schon damals heftig umstrittenen Thema „Judenmission“ sprach. Die „aus den Heidenvölkern berufenen Christen“ sind „als wilde Schösslinge dem edlen Ölbaum Israel eingepfropft“. „Nur als solche können sie sich Israel gegenüber bemerkbar machen mit der Botschaft, dass der aus dem Geschlecht Davids geborene Jesus von Nazareth durch seine Auferweckung von den Toten als Gottes Sohn eingesetzt, definiert worden ist (Römer 1,3f): ‚Christ, der Retter ist da!‘ Diese Wahrheit darf allerdings niemandem vorenthalten, muss also auch Israel gegenüber angezeigt werden. Aus der Bezeugung des Evangeliums in Israel ist ja die Kirche hervorgegangen. Sie müsste ihre eigene Herkunft verleugnen, wenn sie das Evangelium ausgerechnet Israel gegenüber verschweigen wollte. Dass das Evangelium Israels ureigenste Wahrheit ist, daran zu erinnern, haben die Apostel sich verpflichtet gewusst. Aus dieser Verpflichtung kann auch die Kirche nicht entlassen werden.“ Kein Synodaler hat ihm damals in der EKD-Synode widersprochen.

Die evangelische Kirche entmachtet „die Königin“

An dem Beschluss der jetzigen EKD-Synode in Magdeburg wird deutlich: Die evangelischen Kirchen haben ein großes Problem, das auch die aufwendigen Feiern zum Reformationsjubiläum nicht verdecken können. Ihre Synoden fassen Beschlüsse gegen klare Aussagen der Bibel. Luther hat geschrieben: „Ich will, dass die Schrift allein Königin sei.“ In den evangelischen Kirchen wird diese Königin entmachtet. Das führt zur geistlichen Selbstzerstörung dieser Kirchen.

Aus erneut gegebenem Anlass erinnere ich evangelische Christen an die wichtigste Bekenntnisschrift der Reformation, das „Augsburgische Bekenntnis“ (1530), auf das fast alle Pfarrer vereidigt werden. Darin heißt es in Artikel 28 ausdrücklich: „Wo das geistliche Regiment etwas gegen das Evangelium lehrt oder tut, haben wir den Befehl, dass wir ihm nicht gehorchen“.

Ulrich Parzany