Brauchen Juden Jesus zum ewigen Heil? Synoden beraten über „Judenmission“

02.11.2016   

Das Evangelische Nachrichtenmagazin ideaSpektrum  vom 1.11.2016 brachte im Vorfeld der EKD-Syode in Magdeburg (6.-9.11.16) ein Pro und Kontra zu dem umstrittenen Thema der Judenmission, mit dem sich auch die Synode auseinandersetzen wird. Laut der EKD-Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017, Margot Käßmann, werde es dabei  eine „klare Ablehnung der Judenmission geben“. ideaSpektrum stellte die Frage „Brauchen also Juden Jesus Christus nicht zum Heil?“ an den Vizepräsidenten des EKD-Kirchenamtes, Thies Gundlach, und an Anatoli Uschomirski (Stuttgart), den Messianischen Leiter und Theologischen Referenten des Evangeliumsdienstes für Israel (EDI). Er fand als Sohn jüdischer Eltern zum Glauben an Jesus. Ich hoffe, seine Antwort, die wir hier wiedergeben, wird auch auf der EKD-Synode gehört.

Ulrich Parzany


„Ja, ohne Zweifel brauchen Juden Jesus zum ewigen Heil! Das jüdische Volk wurde von Gott erwählt, ‚ein Licht für alle Nationen zu sein‘ (Jesaja 42,6). Die Botschaft von Gott allen Menschen zu verkündigen, ist das Ziel der Erwählung Israels. Dieser Auftrag beinhaltet vor allem das eigene Volk (Jesaja 9,2; Apostelgeschichte 1,16) Ohne an Jesus als ihren Messias zu glauben, können die Juden ihren Auftrag gegenüber den Völkern nicht erfüllen. Die Kirche hat die missiologische und eschatologische Bedeutung Israels völlig ausgeblendet. Als Konsequenz wurde das Volk der Juden entweder als Gottesmörder angesehen oder (im besten Fall) genauso wie alle anderen Völker missioniert, ohne Rücksicht auf die nur ihnen von Gott gegebenen Vorrechte (siehe Römer 9,4-5).

Was Juden bestimmt nicht brauchen, ist die sogenannte Judenmission, die aus Juden Christen macht. Als Volk haben wir die Auswirkungen solcher Aktionen über Jahrhunderte erlebt. Ich bin überzeugt: Das will Gott nicht! Gemäß Jeremia 31,35-37 und vieler anderer Bibelstellen will Gott, dass Juden ihre jüdische Identität behalten. Christen sollten Juden dazu ermutigen, ihren Glauben an Jesus in einem jüdischen Kontext zu leben und dadurch ihren Volksgenossen ein positives Beispiel zu geben.

Der Messias ist ein jüdisches Konzept! Darum ringen die jüdischen Apostel mit der Frage: Was ist jetzt mit den Heiden, die auch an unseren Messias glauben? Die Frage, ob Juden Jesus zum Heil brauchen, käme ihnen nicht in den Sinn! Der Jude Jesus, seine jüdischen Jünger, die Zehntausenden Eiferer des Gesetzes, die Jesus nachfolgen – das alles passierte in einem jüdischen Kontext. Wenn man das berücksichtigt, dann ist die Frage, ob Juden Jesus zum Heil brauchen, meiner Meinung nach überflüssig!“

 

Der Arbeitskreis Bekennender Christen in Bayern hat ebenfalls aus dem Anlass, dass die EKD-Synode und die Bayrische Landessynode sich mit dem Thema „Judenmission“ befassen, eine Stellungnahme verfasst, die wir mit Erlaubnis des Vorsitzenden, Dekan Till Roth, hier veröffentlichen:


An die Präsidentin der Landessynode der Evang.-Luth. Kirche in Bayern
Eingabe an die Tagung der Landessynode vom 20. bis 24. November 2016 in Bad Reichenhall

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin,

im Namen des ABC reiche ich folgenden Antrag zur kommenden Herbsttagung 2016 der Landessynode ein:

Der Arbeitskreis Bekennender Christen in Bayern bittet die Landessynode der ELKB, im Fall einer Äußerung zum Thema „Judenmission“ eine theologisch ausgewogene Stellungnahme abzugeben und gegebenenfalls Gedanken der folgenden Begründung zu berücksichtigen.

 

Begründung:

  1. Hintergrund
    Von der Evangelischen Kirche wird derzeitig eine eindeutige Ablehnung der „Judenmission“ gefordert, so z.B. von Dr. Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland. Nach dessen Äußerungen bei der EKD-Synode in Bremen wird demnächst die 3. verbundene Tagung der 12. Synode der EKD, der 12. Generalsynode der VELKD und der 3. Vollkonferenz der UEK Anfang November in Magdeburg eine Stellungnahme zum Thema „Judenmission“ abgeben.
  1. Der missverständliche Begriff „Mission“
    Schon der Begriff „Mission“ an sich ist umstritten. Mission verstanden als Überlegenheitsgefühl oder Kulturkolonialismus ist abzulehnen. Ebenso wenig entspricht es einem biblischen Verständnis von Mission, ungetaufte Menschen als Missionsobjekte oder gar als minderwertig anzusehen. Dagegen bedeutet Mission vom lateinischen Wortsinn her „Sendung“ und meint den Auftrag Jesu Christi an die Kirche, allen Menschen das heilbringende Evangelium zu bezeugen. Dieses Verständnis von Mission ist nicht nur theologisch legitim, sondern als zum Wesen der Kirche gehörend zu bekräftigen (EKD-Synode Leipzig 1999). Dabei schuldet die Kirche das Zeugnis des Evangeliums allen Menschen, auch den Juden, wie es Paulus z.B. in Röm 1,16 unmissverständlich sagt.
  1. Der Begriff „Judenmission“ und seine Geschichte
    Der Begriff „Judenmission“ ist noch stärker belastet als der Begriff „Mission“ im All- gemeinen. In der Geschichte der „Judenmission“ begegneten sich Juden und Christen nicht auf Augenhöhe; Christen traten gegenüber Juden als Vertreter einer unterdrückerischen Macht auf. Aufgrund dieses geschichtlichen Ballasts ist die Verwendung des Begriffs „Judenmission“ in der Tat problematisch und besser darauf zu verzichten. Bei einer öffentlichen Stellungnahme sollte aber zugleich deutlich werden, dass es eine andere Sache ist und selbst angesichts dieser furchtbaren Geschichte unaufgebbar zum Wesen der Kirche gehört, allen Menschen – auch den Juden – das Evangelium zu bezeugen.
  1. „Judenmission“ und die deutsche Geschichte
    Die Schoah ist eine grausame Realität der jüngeren Geschichte, die bis heute das Verhältnis aller Deutschen, ganz gleich welcher religiösen Einstellung, zu allen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern in unserem Land und in aller Welt prägt. Dieser Tatsache müssen alle Äußerungen und Handlungen der Kirche im Blick auf unter uns lebende Menschen jüdischen Glaubens in angemessener Weise Rechnung tragen. Darum sind wir dankbar für alle Zeichen von Versöhnung, für gelingende Begegnungen zwischen Juden und Christen und für vermehrte und intensivere Dialoge zwischen Judentum und Christentum. Es ist richtig, dass die Evangelische Kirche deutlich ihre Stimme gegen latent vorhandene und neu aufkeimende antisemitische Haltungen und Vorurteile erhoben hat und immer wieder erhebt.
  1. Das Verhältnis des christlichen Glaubens zu anderen Religionen
    Von der Beachtung solcher und anderer zeitbedingter Erfordernisse zu unterscheiden ist die theologische Verhältnisbestimmung des christlichen Glaubens zu nicht- christlichen Religionen einschließlich des Judentums. Dabei geht es zentral um das Bezeugen der Wahrheit in Jesus Christus. In der EKD-Schrift „Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen“ heißt es dazu: „Damit ist aber nicht nur ein Unter- schied, sondern auch ein Gegensatz zu anderen Religionen gegeben.“ Weiter heißt es in diesem Text: „Die bleibend schmerzende Urform dieses Gegensatzes ist die Ablehnung Jesu Christi als entscheidendes, Menschen errettendes Ereignis der Wahrheit im Judentum.“ (EKD-Texte Nr. 77, 2003, S.14f.) Selbstverständlich muss der Auftrag der Kirche, die allen Menschen das Evangelium als Gottes Heil zu bezeugen hat, mit einer inneren Haltung und äußeren Praxis des Zeugnisgebens korrespondieren, die diesem Evangelium als froher Botschaft von der Liebe und Gnade Gottes in Jesus Christus entsprechen. Eine solche Haltung wird z.B. gut in der auf der letzten Synode verabschiedeten „Konzeption der interreligiösen Arbeit der ELKB“ beschrieben.
  1. Das besondere Verhältnis Christentum – Judentum
    Manche Theologen meinen mit Hinweis auf die im Neuen Testament bezeugte bleibende Erwählung des Volkes Israels, dass sich das christliche Zeugnis gegenüber Juden erübrigt habe. In ähnlicher Logik erwartet Josef Schuster eine klare kirchliche Absage des christlichen Auftrags gegenüber Juden, nämlich „nicht nur wegen der deutschen Geschichte, sondern vor allem wegen der jüdischen Wurzeln des Christentums.“ Aus theologischer Sicht ist jedoch mit der Feststellung der bleiben- den Erwählung Israels der Glaube an das rettende Handeln Gottes in Jesus Christus für Jüdinnen und Juden nicht obsolet geworden. Vielmehr darf „für christliche Theologie und Kirche … die alleinige Bindung des Heils an Jesus Christus zur blei- benden Erwählung Israels nicht in Konkurrenz“ treten. (J.Schröter in: Zur Verhält- nisbestimmung Kirche – Judentum, VELKD-Texte 161, 2012, S.32). Daher muss jede kirchliche Stellungnahme, die sich von „Judenmission“ distanziert, zugleich den Eindruck vermeiden, als hätte Jesus, der doch Israels Messias ist, überhaupt keine soteriologische Relevanz mehr für Menschen jüdischen Glaubens.
  1. Konsequent für Religionsfreiheit eintreten
    Schließlich könnte ein ausdrückliches Votum der Landessynode gegen „Judenmission“ als Einschränkung der grundgesetzlich garantierten Glaubens- und Religionsfreiheit verstanden werden. Denn „Religionsfreiheit beinhaltet das Recht, seine Religion öffentlich zu bekennen, auszuüben, zu verbreiten und zu wechseln.“ (Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt, hg. v. Ökumenischer Rat der Kirchen, Päpstlicher Rat für den Interreligiösen Dialog und Weltweite Evangelischer Allianz, 2011).

Till Roth, 1. Vorsitzender des Arbeitskreises Bekennender Christen in Bayern