Menschenfischen & Schafeweiden – Rezension

Die doppelte Berufung der Jesus-Nachfolger Verbum Medien, 2026

Eine Buchbesprechung von Ulrich Parzany:

Wenn ich doch möglichst vielen Pastoren und verantwortlichen Gemeindegliedern die Angst vor dicken Büchern nehmen könnte! Die 548 Seiten dieses Buches möchte ich jedem gönnen. Sie sind ein großer Gewinn. Gute biblische Theologie verständlich dargeboten und praktische Hilfe für das Leben und den Dienst von Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen in christlichen Gemeinden.

Man spürt, dass der Autor eine jahrzehntelange Erfahrung in der Arbeit der Navigatoren mit einer soliden reformierten Theologie verbindet. Er promovierte am Westminster Seminary in Philadelphia (USA) über den Schweizer Reformator Huldrych Zwingli.

Das Buch ist nach dem Missionsauftrag Jesu (Matthäus 28,18–20) mit seinen zwei Komponenten Glaubensvermittlung („Menschen fischen“) und Glaubensvertiefung („Schafe weiden“) inhaltlich geordnet. Beide Komponenten bilden das „Zu-Jüngern-Machen“, mit dem Jesus seine Nachfolger beauftragt. Leider wird in der Christenheit mal die eine, mal die andere Komponente vernachlässigt. Nachdem die Revision der Lutherbibel 2017 das „machet zu Jüngern alle Völker“ (Luther 1984) wieder in „lehret alle Völker“ (Luther 1912) zurückverwandelt hat, ist die begriffliche und theologische Klärung, die Jaeschke bietet, äußerst hilfreich.

Er schreibt: „Das ‚Jüngermachen‘ wird es wohl nicht in den Duden schaffen. Anders ist die Entwicklung im Englischen gelaufen. Dort sind die Begriffe discipling/disciplemaking und discipler/disciplemaker sprachliche Neuschöpfungen des 20. Jahrhunderts und haben sich als solche etabliert. Zu Matthäus 28,19 schrieb der bedeutende baptistische Neutestamentler John Albert Broadus 1886 in seinem großen Matthäuskommentar: ‚Wir brauchen dringend für diese Stelle und für [Mt] 13,52 und Apg 14,21 ein englisches

Verb ‚[to] disciple‘.‘ Zu dieser Neuschöpfung kam es dann im Zuge der sogenannten Jüngerschaftsbewegung“ (S. 27). Die vor der Mitte des 20. Jahrhunderts entstandene neue Jüngerschaftsbewegung beschreibt Jaeschke anhand der Geschichte und Arbeit der Navigatoren.

Ich selber habe die Arbeit der Navigatoren durch die Teilnahme an der Billy-Graham-Evangelisation 1960 in Essen kennengelernt. Denn in der Vorbereitung und Nacharbeit zu diesen Großevangelisationen mit Billy Graham ging es nicht um Massen und öffentliche Kampagnen, sondern um persönliche Einladungen, Aufbau von Beziehungen und Begleitung Neubekehrter sowie Vertiefung ihres jungen Glaubens.  Wolf Christian Jaeschke berichtet, wie die Navigatoren-Arbeit mit Dawson Trotman (1906–1956) in den 1930er Jahren begann und wie Billy Graham Dawson Trotman 1951 überzeugte, den Gemeinden in der Nacharbeit der großen Evangelisationsveranstaltungen zu helfen. Wie fruchtbar diese Zusammenarbeit war, habe ich als junger Christ erlebt.

Jaeschke erschließt für den deutschsprachigen Raum Theologie und Praxis der „Jüngerschaftsbewegung“. Er stellt sie mit ihren wesentlichen Inhalten sowohl in einen biblisch-theologischen als auch in einen kirchengeschichtlichen und missionstheologischen Zusammenhang.  Er diskutiert auch die Kritik, die an dieser Bewegung geübt wurde.

Diese theologische Reflektion hätten wir in den 1970er Jahren gut gebrauchen können, bevor sich viele von der angeblichen Simplifizierung des Evangeliums durch die sogenannten „Vier geistlichen Gesetze“ abwandten. Jaeschke beschreibt die 1951 entstandene Brückenillustration (S. 72f.), die das Evangelium anschaulich zusammenfasst und die kurz als „Die vier geistlichen Gesetze“ formuliert wurde. Die Erläuterungen Jaeschkes werden heute hoffentlich vielen helfen, das rettende Evangelium von Jesus Christus wieder klar und anschaulich zu verkünden – im persönlichen Gespräch und in der öffentlichen Verkündigung. An dieser Klarheit mangelt es heute vielfach.

Auch das stellt Jaeschke überzeugend klar dar: Beide Komponenten des Missionsauftrags – das Menschenfischen und das Schafeweiden – geschehen in zwei Handlungsfeldern, nämlich öffentlich und individuell. Das öffentliche Handlungsfeld wird vor allem von den hauptamtlichen Mitarbeitern der Gemeinde bestellt, das individuelle vor allem von den ehrenamtlichen Gemeindegliedern. Jaeschke lässt keinen Zweifel daran, dass er das individuelle Handlungsfeld für wichtiger hält. Dem muss man zustimmen: Ohne die Mobilisierung aller Jesus-Nachfolger ist der Auftrag der Weltmission nicht zu erfüllen.

Es ist nicht verwunderlich und auch nicht zu kritisieren, dass Jaeschke das individuelle Handlungsfeld der Glaubensvermittlung und der Glaubensvertiefung umfangreicher und praktisch konkreter darstellt. Auf diesem Handlungsfeld ist er ausgewiesener Experte. Mir sind beim Studium seines Buches meine eigenen Defizite schmerzlich bewusst geworden.

Da es im deutschsprachigen Bereich, insbesondere in den evangelischen Landeskirchen, einen nahezu krankhaften Antiamerikanismus gibt, sind die Einbeziehungen reformatorischer Theologen wie Luther und Calvin sowie deutschsprachiger Missionstheologen und Praktiker wie Karl Heim, Karl Barth, Gerhard Hilbert, Georg F. Vicedom, Walter Freytag, Klaus Teschner, Johannes Hansen, Ako Haarbeck, Rolf Scheffbuch,  Hartmut Bärend, Peter Beyerhaus, Eberhard Winkler, Klaus-Jürgen Diehl und anderer in die praktisch-theologische Argumentation sehr hilfreich, um Vorbehalte abzubauen.

Jaeschke schreibt: „Man kann Teile des vorliegenden Buchs vergleichen mit dem

Besuch einer christlichen Bibliothek oder Buchhandlung.“ (S. 17) Die Darstellung von Positionen vieler Autoren aus unterschiedlichen Zeiten und Weltregionen gibt dem Buch eine wohltuende Weite und Differenziertheit.

Ausgesprochen kostbar sind die drei Anhänge, mit denen Jaeschke sein Buch ergänzt. Sie bieten Anregungen zur Glaubensvermittlung und Glaubensvertiefung durch den englischen Literaturwissenschaftler C. S. Lewis (1898–1954), den amerikanischen Theologen, Kulturphilosophen und Apologeten Francis Schaeffer (1912–1984) sowie den amerikanischen China-Missionar John Livingston Nevius (1829–1893).

Wolf Christian Jaeschke schreibt am Schluss: „Anliegen des Buches ist es, die Zentralität des Missionsbefehls ins Bewusstsein der Leser zu rücken und Möglichkeiten für die Teilhabe an seiner Erfüllung aufzuzeigen.“ (S. 445) Ich empfehle das gründliche Studium dieses Buches, weil der Autor sein Anliegen sehr hilfreich umgesetzt hat.

Ulrich Parzany