Homosexualität im Kulturgepäck westlicher Kirchen?

15.09.2020   

Ein Konflikt aus der Sicht von Christen in Asien

Bericht und Kommentar von Ulrich Parzany

„Die Haltung der Methodistischen Kirche in Sri Lanka zur Homosexualität“. Ein Mitglied der Leitungsgruppe unseres Netzwerks Bibel und Bekenntnis fand unter diesem Titel den Artikel des früheren Kirchenpräsidenten dieser Kirche, Rev. Duleep Fernando, im VEM-Journal 2, 2020. Wir waren erfreut und überrascht, dass ein solcher Artikel von der Vereinten Evangelischen Mission veröffentlicht wurde. Man rieb sich zwar die Augen, dass dieser Text in der Rubrik „Solidarität leben. Gender-Inklusivität in Asien“ dekoriert mit Regenbogenfahne erschien. Immerhin, dachten wir, diese Position wird auch hier veröffentlicht. Das sollten wir bekannt machen. Ich habe mein Leben lang viel von Kirchen in Afrika und Asien gelernt und bin überzeugt, dass wir in Europa heute dringend von diesen Kirchen lernen müssen.  

Rev. Duleep Fernando

Die VEM beschreibt sich heute auf ihrer Internetseite selbst folgendermaßen: „Die VEM ist eine internationale Mission, hervorgegangen aus der Arbeit der Rheinischen Mission, der Bethel-Mission und der Zaire-Mission. Unsere 39 Mitglieder sind protestantische Kirchen in Afrika, Asien und Deutschland und die von Bodelschwinghschen Stiftungen Bethel. Wir arbeiten in gleichberechtigter Weise zwischen Nord und Süd, Süd und Nord sowie Süd und Süd zusammen, um uns durch Programme und Projekte gegenseitig zu stärken, Verantwortung und Erfahrungen miteinander zu teilen, Menschen in Not und Konfliktsituationen zu helfen und so gemeinsam das Wort von der Versöhnung in Jesus Christus zu bezeugen. … Die VEM hat 39 Mitglieder, davon 15 aus Afrika, 17 aus Asien und 7 aus Deutschland.“ Eine Kirche davon ist die Methodistische Kirche in Sri Lanka.

Wir wollten also den Artikel von Duleep Fernando auf unserer Internetseite veröffentlichen, weil er eine klare Stellungnahme enthält. Wir baten um Abdruckgenehmigung und erhielten von der Pressesprecherin der VEM folgende Antwort:

„Leider können wir Ihnen nicht erlauben, unseren deutschen Journal-Artikel ‚Die Haltung der methodistischen Kirche Sri Lankas zur Homosexualität‘ auf irgendeine Weise (weder digital noch in Printmedien) zu veröffentlichen. Mit der Veröffentlichung dieses Artikels unter Bezugnahme auf unser Magazin entsteht der falsche Eindruck als würde die VEM insgesamt, d.h. als Gemeinschaft von Kirchen, hinter der Haltung der Kirche in Sri Lanka stehen. Tatsächlich handelt es sich bei diesem Artikel aber um nur eine Meinung einer Mitgliedskirche von insgesamt 39 VEM-Mitgliedern in Afrika, Asien und Deutschland. Die Haltungen unserer evangelischen Mitglieder zum Thema Homosexualität sind so unterschiedlich wie die Kirchen selbst.

Wir würden uns freuen, wenn Sie unsere Argumentation für unsere abschlägige Antwort nachvollziehen könnten.

Gerne dürfen Sie jedoch Pfarrer Duleep Fernando von der Methodistischen Kirche in Sri Lanka selbst kontaktieren, um seine Zustimmung für die Veröffentlichung seines englischen Originalartikels einzuholen.“

Wer sollte das nicht nachvollziehen können? Die Haltung der Methodistischen Kirche in Sri Lanka widerspricht nämlich radikal der Stellung der deutschen Mitgliedskirchen der VEM, die alle die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare begrüßen und praktizieren, darunter u.a. die Evangelische Kirche im Rheinland, Evangelische Kirche von Westfalen, Evangelische Kirche in Hessen und Nassau, Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck. Neugierig bin ich, wie die Kirchen aus Afrika und Asien dazu stehen. Bekannt ist, dass die Lutherischen Kirchen in Tanzania in ihrer „Dodoma-Erklärung“ genauso kritisch gegen die westlichen Kirchen Position bezogen haben wie die Methodisten in Sri Lanka. https://www.kirchliche-sammlung.de/wordpress/wp-content/uploads/2012/12/dodoma-erklaerung_2010-01.pdf Nach unserer ersten Anfrage war der Artikel auch nicht mehr auf der Internetseite der VEM zu finden.

Wir haben natürlich Kontakt zu Rev. Duleep Fernando aufgenommen. Er war Präsident der Methodistischen Kirche in Sri Lanka (1995 – 2000) und ist jetzt ehrenamtlicher Kaplan des Theologischen Seminars von Colomo. Er ist der ältere Bruder von Ajith Fernando, langjähriger Leiter von Jugend für Christus in Sri Lanka, durch seine Vorträge und Bibelauslegungen auf Weltkonferenzen der Lausanner Bewegung für Weltevangelisation und auch in Deutschland vielen hier bekannt. Duleep Fernando hat uns gern den englischen Originaltext zur Verfügung gestellt. Wir dokumentieren den ganzen Artikel in Englisch und in Deutsch, damit sich jeder ein vollständiges Bild machen kann.

Hier vorab zunächst einige wichtige ausgewählte Abschnitte:

„Einführung

Die Reaktion der Kirche auf Homosexualität ist eine brennende Frage für Christen geworden, besonders im Westen.  Bis zum 19. Jahrhundert war Homosexualität in der Kirche nicht akzeptiert. Im 20. Jahrhundert allerdings haben viele westliche Kirchen eine andere Sicht der Homosexualität eingenommen. Sie wird nicht länger als Sünde betrachtet. Sie wird als etwas Normales für die betrachtet, deren sexuelle Orientierung von der der Mehrheit abweicht. Es wird argumentiert, dass Menschen mit homosexueller Orientierung frei sei sollten, ihre Sexualität in homosexuellen Handlungen auszudrücken. Sie müssten in der Kirche alle Rechte bekommen, einschließlich der Eheschließung. Die Kirchen im Westen ist wegen dieser Streitfrage uneins, und es sind sogar Kirchenspaltungen geschehen.

Die Situation in Sri Lanka

Die Lage in Sri Lanka ist ganz anders. Die Gesetzgebung in Sri Lanka verbietet homosexuelle Handlungen. Sie gelten als kriminelle Vergehen, die mit Geldstrafen und sogar Gefängnis bestraft werden können. Allerdings wird dieses Gesetz selten angewandt. Seit fast 50 Jahren sind keine Fälle wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen zwischen Erwachsenen vor Gericht verhandelt worden. Homosexuelle Handlungen zwischen Erwachsenen und Minderjährigen wurde aber sehr ernstgenommen, und etliche Leute wurden wegen dieser Art des Kindesmissbrauchs verurteilt. Obwohl das Gesetz immer noch in Kraft ist, schämen sich viele Homosexuelle, ihre Orientierung zuzugeben, weil sie fürchten, in unserer Schamkultur geächtet zu werden.

In letzter Zeit ist die LGBTQI-Community allerding aktiv gewesen, obwohl die meisten ihrer Aktivitäten heimlich durchführt wurden. Etliche Organisationen und Aktivisten haben die Arbeit in dieser gesellschaftlichen Gruppe angeführt und Events wie „Colombo Pride“ sind seit 2005 veranstaltet worden. Meistens waren es Konzerte, Musicals und Prozessionen. Diese Organisation bieten Beratung und Unterstützung für die LGBTQI-Community an. Human Rights Watch berichtet, dass Homosexuelle in Sri Lanka diskriminiert werden, wenn sie versuchen, Arbeit, Wohnungen und Gesundheitsfürsorge zu bekommen (Salondra 2017). 2008 hat Sri Lanka abgelehnt, die UN-Deklaration zu unterzeichnen, die Mitgliedstaten drängte, Homosexualität zu entkriminalisieren.

Die Kirche in Sri Lanka

In der Kirche in Sri Lanka ist Homosexualität kein Thema gewesen. Es hat im Denken in den Gemeinden nicht im Vordergrund gestanden und es gab keine Diskussionen über dieses Thema in den kirchlichen Ausbildungsstätten oder anderen Foren.  Wenige Stimme erhoben sich und forderten Freiheit für Menschen mit abweichender sexueller Orientierung, diese zu praktizieren, aber diese Ansichten stießen auf viel Opposition und die Kirchen standen fest zu ihrer Entscheidung für die bisherige Haltung zur Homosexualität. Keinem bekennenden Homosexuellen wurde von der Kirche ein Amt oder eine Leitungsfunktion gegeben. Es gab einzelne Fälle von Homosexualität, aber sie erhielten keine große öffentliche Aufmerksamkeit und wurden nach dem normalen kirchlichen Disziplinar-Weg behandelt.

Gründe für die Position der Kirche gegen Homosexualität“

In diesem Abschnitt werden die biblischen Aussagen zur Homosexualität erläutert.

Die Schlussfolgerung lautet:

„Die Methodistische Kirche in Sri Lanka akzeptiert die klare Lehre der Bibel, die homosexuelle Handlungen verbietet.“

Dann folgt der Abschnitt

„Gottes Intention für Sex und Ehe
Die Ablehnung der Homosexualität durch die Kirche hängt nicht nur von der Auslegung dieser 6 Bibelstellen ab. Was die Bibel über Sex und Ehe sagt, ist wichtig und formt auch die Haltung zur Homosexualität.“
Es folgen weitere Ausführungen.

Vielsagend ist der folgende Abschnitt:

„Die Wirkung auf unser Zeugnis, wenn wir Homosexualität anerkennen

In Sri Lanka sind Christen eine Minderheit in einem überwiegend buddhistischen Land. Wir haben auch einen ziemlich großen Anteil an Hindus und Muslimen. Alle diese Religionen verurteilen Homosexualität. Wenn wir Christen Homosexualität billigen, wird das unser Zeugnis für Nichtchristen in unserem Land beeinflussen. Vor einigen Jahren machten einige westlich beeinflusste Politiker Vorschläge, Homosexualität gesetzlich zu entkriminalisieren. Viele buddhistische Geistliche und Geistliche anderer Religionen opponierten gegen das Gesetz, und es wurde schnell zurückgezogen.

Viele Buddhisten empfinden das Christentum als eine importierte Religion – ein Produkt des westlichen Imperialismus. Traurigerweise folgen viele Christen den kulturellen Verhaltensmustern westlicher Länder. Wir in Sri Lanka schulden den christlichen Missionaren, die das Evangelium in unser Land gebracht haben und Kirchen hier gegründet haben, viel. Allerdings brachten manche dieser Missionare auch ihr kulturelles Gepäck zusammen mit dem Evangelium.

Viele Christen, die das Evangelium annahmen, das die Missionare brachten, nahmen auch deren westliche Kultur. Das macht einen schlechten Eindruck auf Nichtchristen, die denken, Christen seien Fremde in diesem Land, die den Westen blind imitieren. Verantwortliche Christen kämpfen darum, eine Lebensweise aufzubauen, die sich an die Kultur Sri Lankas hält und im Heimatboden verwurzelt ist. Das betrifft unsere Formen des Gottesdienstes, unsere Unterhaltung, unsere Feste, unsere Vergnügungen, unsere verschiedenen Sitten; wir müssen zeigen, dass Christen nach den kulturellen Maßgaben und Sitten in Sri Lanka handeln können, die nicht im Widerspruch zum christlichen Glauben stehen. Homosexualität zu akzeptieren, von der Menschen in Sri Lanka wissen, dass sie aus dem Westen kommt, wird einen negativen Einfluss auf das Zeugnis der Kirche haben.“ Soweit die Zitate.

Wir sollten uns bewusst machen, dass der weitaus größte Teil der weltweiten Christenheit die Haltung der Methodistischen Kirche in Sri Lanka teilt. Vor allem die wachsenden Teile der Christenheit im Süden der Welt. Zugleich gibt es Versuche der westlichen Kirchen, ihre ethische Sicht der Homosexualität in ihren Partnerkirchen durchzusetzen. Es bestehen erhebliche finanzielle Abhängigkeiten, durch die mehr oder weniger verdeckte Einflussnahmen möglich sind. Gerade in diesen Tagen hörte ich aus Afrika, dass nicht mehr alle lutherischen Bischöfe in Tanzania entschlossen zu ihrer Dodoma-Erklärung (s.o.) stehen. Wer bezweifelt, das deutsche, evangelische Kirchenleitungen Geld bzw. dessen Entzug als Druckmittel zur Durchsetzung ihrer Ansichten benutzen, der erkundige sich beim lutherischen Erzbischof von Lettland in Riga, Janis Vanags, nach seinen Erfahrungen. Es gibt heute eine Form von ideologischem Imperialismus gerade bei denen, die sonst laut den Kulturimperialismus früherer Missionare kritisieren.

Auf ihrer Internetseite schreibt die VEM übrigens: „United in Mission geht heute nicht ohne globales Lernen in ökumenischer Perspektive.“ Einverstanden. Lernen wir von der Mehrheit der Christenheit weltweit, dass die Bibel Gottes Wort ist und damit gültiger Maßstab für Glauben, Lehre und Leben. Nicht nur, aber auch beim Thema Homosexualität.

Ulrich Parzany

Links zum englischen Artikel und zur deutschen Übersetzung: