Christian Schwark: Kontroversen innerhalb der evangelikalen Bewegung Teil 2: Die Lage in den Ausbildungsstätten in Deutschland

19.11.2020   
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Das Netzwerk Bibel und Bekenntnis hatte 85 Verantwortliche aus Bekennenden Gemeinschaften und Initiativen zu einer Konsultation eingeladen und ihnen 4 Fragen zur Beantwortung zugeleitet. Bei der Online-Konsultation am 14.11.2020, an der 54 der Eingeladenen teilnahmen, wurden diese Fragen in 5 Referaten unter Berücksichtigung der Rückmeldungen der Eingeladenen beantwortet. Hier ist das dritte Referat: „Wie werden die Kontroversen innerhalb der evangelikalen Bewegung beurteilt? Teil 2: Die Lage in den evangelikalen Ausbildungsstätten in Deutschland“, von Pfarrer Dr. Christian Schwark, Siegen-Trupbach


Klarstellungen und Impulse zum Gespräch über evangelikale Ausbildungseinrichtungen

Mein Vortrag über die evangelikalen Ausbildungseinrichtungen hat zahlreiche Reaktionen hervorgerufen. Positive und negative. Der Austausch und das Gespräch untereinander sind mir sehr wichtig. Der Vortrag dauerte 15 Minuten, richtete sich an eine nichttheologische Zielgruppe und sollte außerdem Rückmeldungen aus einer Befragung aufgreifen. Darum konnte vieles nur angerissen werden. Der Charakter des Vortrags hat zu manchen Missverständnissen geführt. So möchte ich einige Dinge klarstellen und Impulse für das Gespräch geben:

1. Die Anerkennung als Hochschule ist nach meiner Auffassung kein Zeichen dafür, dass eine Ausbildungseinrichtung nicht bibeltreu ist. Ich habe auf Gefahren hingewiesen, von denen mir Verantwortliche im persönlichen Gespräch auch berichtet haben. Dass eine Gefahr besteht, bedeutet aber nicht, dass man dieser Gefahr erliegt. An evangelikalen Hochschulen in Deutschland wird vielfach gut und biblisch fundiert gelehrt. Und eine Anerkennung als Hochschule ist für Studierende im Interesse eines qualifizierten und anerkannten Abschlusses von Vorteil. Ich selbst bin evangelischer Pfarrer. Auch hier besteht eine vergleichbare Spannung (obwohl natürlich jeder Vergleich hinkt). Die Verbindung der Landeskirche zum Staat, wie sie sich in Staatskirchenverträgen zeigt, kann eine Anpassung an gesellschaftliche Meinungen und Trends fördern, muss es aber nicht. Insofern kann ich die Spannung, in der staatlich anerkannte evangelikale Hochschulen stehen, persönlich gut nachvollziehen.

Für das gemeinsame Gespräch ergibt sich, dass es hilfreich ist, die Dinge differenziert zu betrachten. Oft gibt es nicht einfach „schwarz“ oder „weiß“, sondern Vorteile und Nachteile, die es gegeneinander abzuwägen gilt. Der eine wird mehr die eine Seite in den Vordergrund stellen und der andere mehr die andere. So kann es zu einer differenzierten Meinungsbildung kommen.

2. Dass ich Kritik an manchen Aussagen einzelner Lehrpersonen geübt habe, bedeutet nicht, dass ich diese Personen oder die Ausbildungseinrichtungen, an denen sie lehren, pauschal beurteilen möchte. Auch hier muss selbstverständlich differenziert werden. Und mein Einblick ist natürlich begrenzt. Aber es muss erlaubt sein, auf Tendenzen und Veränderungen hinzuweisen, die ich sehe. Ich stehe mit meinem Eindruck an dieser Stelle auch nicht alleine. Auch in den Rückmeldungen aus der Umfrage des Netzwerks spiegelt sich dies. Man hat mir vorgeworfen, dass ich manches falsch verstanden habe und deshalb zu Unrecht kritisiert habe. Es würde mich freuen, wenn meine Kritik nicht zutrifft. Insofern ermutige ich Ausbildungseinrichtungen und Gemeinden, Studierende und Spender, ehrlich miteinander ins Gespräch zu kommen. Dann kann jeder sich sein eigenes Bild machen.

Für das gemeinsame Gespräch ergibt sich, dass wir ehrlich miteinander reden. Das bedeutet auch, dass wir Unterschiede benennen, um eine persönliche Urteilsfindung zu ermöglichen. Eine fruchtbare theologische Auseinandersetzung kann für Klarheit sorgen und ist besser als eine oberflächliche, vordergründige Einigkeit, die nicht hinterfragt wird oder hinterfragt werden kann. Fritz Schwarz, ein früherer Superintendent aus Herne im Ruhrgebiet, der mehrere Bücher zum Thema „Gemeindeaufbau“ veröffentlicht hat, hat es für den landeskirchlichen Bereich so ausgedrückt: „Sehen Sie, den Frieden … unter uns erkaufen wir uns doch oft genug so, dass wir uns viel zu schnell auf den Nenner einigen: ‚Brüder, im Grunde sind wir uns doch alle einig. Wir wollen doch alle dasselbe. Nur in den Methoden gehen wir ein wenig auseinander.‘ Aber wir wissen dabei ganz genau, daß wir uns etwas vormachen und uns unsere Einigkeit in die Tasche lügen.“ (Fritz Schwarz, Überschaubare Gemeinde, Bd.1, Gladbeck 31982, S.108)

3. Meine Kritik ist natürlich kein absolutes Urteil. Wir müssen unterscheiden zwischen einer sachlichen theologischen Auseinandersetzung und geistlichem Urteilen. Das geistliche Urteilen steht nur Gott zu und nicht uns (vgl. Mt 7,7, vgl. auch 1.Sam 16,7). Wenn wir an Jesus Christus glauben, sind wir als Geschwister verbunden, auch wenn es unterschiedliche Meinungen in Lehrfragen gibt. Der Glaube besteht nicht nur darin, dass ich die richtige Lehre habe, sondern vor allem darin, dass ich persönlich mit Jesus lebe. Wobei auf der anderen Seite eine Lehre, die sich von der Bibel entfernt, auch den persönlichen Glauben gefährdet. Nach evangelischem Verständnis kann niemand für sich beanspruchen, die absolut richtige Lehre zu vertreten. Das käme einem „evangelischen Papsttum“ gleich. Daher beanspruche ich nicht festzulegen, wer bibeltreu ist und wer nicht. Übrigens meine ich auch nicht, dass nur die bibeltreu sein können, die die Chicago-Erklärung anerkennen. Ich kann nur aus meiner an der Bibel (und nachgeordnet den Bekenntnissen) orientierten Erkenntnis heraus meine Meinung vertreten. Aber von dieser Erkenntnis  her kann ich andere kritisch hinterfragen, so wie andere das bei mir tun können (und sollen).

Für das gemeinsame Gespräch ergibt sich, dass wir uns auf der Grundlage der Bibel sachlich austauschen, ohne uns zu verurteilen. Letztlich wird sich zeigen, was Bestand hat (vgl. Apg 5,38+39). So war es ja auch in der Kirchengeschichte. Viele Irrlehren und Fehlentwicklungen sind irgendwann überwunden worden, und Gott hat einen Neuanfang geschenkt. Ich vertraue darauf, dass das auch in Zukunft so sein wird.

Drei Klarstellungen und drei Impulse für das Gespräch. Wurde und werde ich dem selbst gerecht? Natürlich nicht. Wir alle brauchen die Vergebung durch den stellvertretenden Tod von Jesus am Kreuz. Und wir alle brauchen die Erneuerung durch seinen Heiligen Geist. Das verbindet uns.

Dr. Christian Schwark