Jörg Breitschwerdt: Studien zu Genese und Anliegen der evangelikalen Bewegung in Deutschland

12.02.2019   

Eine Empfehlung von Ulrich Parzany.

Jörg Breitschwerdt hat in seiner Doktorarbeit – „Theologisch konservativ – Studien zu Genese und Anliegen der evangelikalen Bewegung in Deutschland, Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 2019“ – gezeigt, dass Probleme, mit denen wir uns heute in den christlichen Kirchen herumschlagen, schon sehr lange in der deutschen Kirchengeschichte schwelen.

Wurden sie gelöst? Sie wurden eigentlich verschleppt und brachen unter neuen Gegebenheiten in veränderter Form wieder auf. Jörg Breitschwerdt beschreibt Auseinandersetzungen aus Zeiten, in denen die Bezeichnung „evangelikal“ in Deutschland unbekannt war, und doch behauptet und belegt er, dass die Anliegen der evangelikalen Bewegung nicht vor allem angelsächsischer Import sind, sondern sich seit 500 Jahren in Deutschland entwickelt hat.

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Sola scriptura – Allein die Bibel

Im „Jahrtausendstreit“ zwischen dem Humanisten Erasmus von Rotterdam und Martin Luther über freien oder unfreien Willen des Menschen wird das „protestantische Schriftprinzip“ von Luther begründet und verteidigt: Allein die Bibel als Dokument der Offenbarung Gottes und als Maßstab für Glauben, Leben und Lehre! Erasmus betonte dauernd, dass die Bibel wegen ihrer dunklen, unverständlichen Stellen nicht allein der letzte Maßstab sein könne. Es bedürfe der Gelehrten und der kirchlichen Autorität zur rechten Auslegung. Das ist bis heute das Hauptargument für die klerikale und intellektuelle Bevormundung der Bibelleser. Luther betonte dagegen, „dass die Bibel „durch sich selbst ganz gewiss ist, ganz leicht zugänglich, ganz verständlich, ihr eigener Ausleger, alles von allen prüfend, richtend und erleuchtend“ sei. „Einen grundsätzlichen Unterschied sah Luther zu Erasmus im Umgang mit der Heiligen Schrift bzw. in der Verhältnisbestimmung zwischen Vernunft und Offenbarung bei der Schriftauslegung.“ (S.47)

1577 wurde in der Konkordienformel „das Bekenntnis zur Heiligen Schrift als alleiniger Regel und Richtschnur in allen Fragen der Lehre“ (S.52) formuliert. in der lutherischen Orthodoxie wurden Wort Gottes und Bibel gleichgesetzt. Für die heutige Auseinandersetzung unter den Evangelikalen sollten wir uns erinnern lassen: „Trotz zahlreicher theologischer Unterschiede zwischen Pietismus und Orthodoxie kam es zu keinem Dissens in Bezug auf die Schriftlehre: Philipp Jakob Spener (1635-1705) und der Pietismus knüpften ‚(n)irgendwo so eng an die Orthodoxie an wie bei der Lehre von der heiligen Schrift.‘“ (S.55)

Krise des protestantischen Schriftprinzips

Die Krise des protestantischen Schriftprinzips begann mit der Forderung nach Unterscheidung zwischen Bibel und Wort Gottes durch Vertreter der Aufklärung wie Johann Salomo Semler (1725-1791). Er „nahm im Gegensatz zur Orthodoxie und Pietismus die Linie des Humanismus wieder auf. Nicht Luther, sondern Erasmus war seiner Ansicht nach der wahre Reformator“. (S.61) Woran aber sollte man nun Gottes Wort und Menschenwort in der Bibel unterscheiden? Wer diese Frage als angemessen zulässt, muss bis heute viele verschiedene, ja gegensätzliche Antworten in Kauf nehmen.

Ein weiteres Problem, das bis heute nachwirkt, hat Gotthold Ephraim Lessing im sogenannten Fragmentenstreit (1774-1778) aufgetischt. Er unterschied zwischen den „notwendigen Vernunftwahrheiten“ und den „zufälligen Geschichtstatsachen“ und entwertete damit die in der Bibel berichtete Heilsgeschichte. Geschichtliche Ereignisse können demnach keine ewige Wahrheit begründen. Also war es auch nicht weiter schlimm, dass die historische Bibelkritik behauptete, dass die biblischen Berichte kein tatsächliches Geschehen wiedergäben. Auf die Tatsachen kommt es seit Lessing bis Bultmann sowieso nicht an, sondern auf die irgendwie dahinter liegenden, darüber schwebenden oder damit verkleideten Wahrheiten.

Jörg Breitschwerdt beschreibt genau und dokumentiert ausführlich, wie sich das in den Auseinandersetzungen des 19. und 20. Jahrhunderts auswirkte. Er schildert zunächst die Auseinandersetzungen um David Friedrich Strauß und sein Buch „Das Leben Jesu. Kritisch bearbeitet“ (1835/1836) in Württemberg und die um Karl Schraders Schrift „Der Antipietist“ (1846/1847) in Westfalen. Ausführlich dokumentiert er die Reaktionen aus dem Pietismus und aus dem kirchlichen Luthertum. Die verschiedenen Strömungen, Personen und Gruppierungen, die sich gegen die „modernen Theologien“ wandten, fasst er durchaus plausibel mit dem Klammerbegriff „theologisch konservativ“ zusammen.

Auflösung der Bekenntnisbindung?

Spannend zu lesen sind die Darstellungen des „Apostolikumstreites“ in Württemberg (Fall „Schrempf“ 1891) und die durch Thesen des Berliner Professors Adolf von Harnack zu diesem Anlass (1892) deutschlandweit ausgelösten Konflikte, die praktisch bis heute nicht gelöst sind. Einerseits lernen die Theologen im Studium, dass die im Apostolikum aufgezählten „Heilstatsachen“ gar keine Tatsachen seien, andererseits sprechen sie in den Gottesdiensten das Apostolikum mit der Gemeinde. Das hört sich so an, als glaubten sie, was sie sprechen. In Wirklichkeit aber glauben sie abgeleitete Wahrheiten, nicht aber dass Jungfrauengeburt und Auferstehung Jesu tatsächlich geschehen sind oder seine Wiederkunft zum Weltgericht tatsächlich geschehen wird.

Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhundert erlaubten die konservativen Kirchenleitungen nicht, dass die Bindung der Pfarrer an das Bekenntnis gelöst wurde. Schrempf wurde 1892 aus dem Dienst der Württembergischen Kirche entlassen. An der Berliner Universität bekam der Liberale Adolf von Harnack mit Adolf Schlatter einen „Strafprofessor“ an die Seite. Auch in Tübingen versuchte man eine ähnliche Aktion. Tatsächlich wurde später Adolf Schlatter als Professor für Neues Testament zur Beruhigung des theologisch konservativen Widerstands gegen die Tübinger Fakultät von Berlin nach Tübingen berufen. Die theologisch Konservativen hatten also damals die Macht in den Kirchen. Hat das auf Dauer was gebracht?

Fortsetzung nach dem Zwischenspiel

Es folgte das Zwischenspiel der Wort-Gottes-Theologie und ihrer Dominanz in der Bekennenden Kirche während der Nazi-Zeit. Aber schon 1941 begannen mit Bultmanns Alpirsbacher Vortrag zur Entmythologisierung die alten Konflikte in veränderter Verkleidung. Jörg Breitschwerdt schildert und dokumentiert die Reaktionen aus dem theologisch-konservativen Bereich sehr genau. Man muss in seinem Buch die ausführlichen Zitate in den kleingedruckten Fußnoten wirklich lesen. Sie tragen die Argumentation.

Auf Seiten der Kirchenleitungen gab es in der Vergangenheit viel Wohlwollen, ja sogar Unterstützung für die Anliegen der bekennenden Gruppen, aber keine klaren Entscheidungen gegen die „moderne Theologie“ in den verschiedenen Variationen. Heute finden Bekenntnis-Initiativen bei den meisten Kirchenleitungen weder Verständnis noch Unterstützung.

Auf Seiten der bekennenden Gruppen in Kirchen und Gemeinschaften gab es zunächst wachsende Gemeinsamkeit trotz latenter Spannungen, dann aber Zerbruch und Entfremdung. Natürlich liest man die Schilderung der Entwicklungen bis 1967 sowohl im Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband wie auch in der Ludwig-Hofacker-Vereinigung (heute Lebendige Gemeinde – Christus-Bewegung in Württemberg) auf dem Hintergrund gegenwärtiger Auseinandersetzung mit besonderer Aufmerksamkeit. Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber es fällt durchaus Licht auf gegenwärtiges Geschehen, wenn man Vergangenes bedenkt. Die sorgfältige Untersuchung von Jörg Breitschwerdt hilft nicht nur gegen das Vergessen, sondern korrigiert auch manche Behauptung, die durch Unkenntnis oder Verdrehung der geschichtlichen Entwicklung entstanden ist.

Die Arbeit von Jörg Breitschwerdt wird hoffentlich unter Fachleuten gebührende Beachtung finden. Ich hoffe aber, dass auch Verantwortliche in Gemeinschaftsverbänden und evangelikalen Strukturen durch die sorgfältige Betrachtung der vergangenen Entwicklungen ihren Blick für die heutigen Notwendigkeiten schärfen lassen. Zu wissen, woher wir kommen, hilft zu erkennen, wohin wir gehen sollen.

Ulrich Parzany