Respektvoll miteinander umgehen, aber wie?

11.01.2019   

Ein Beitrag von Ulrich Parzany.

Die Fellbacher Zeitung veröffentlichte am 10.1.2019 unter dem Titel „Ich will, dass es zu einer Lösung kommt“ ein Interview. Untertitel: „Der württembergische Landesbischof Frank-Otfried July fordert Respekt im Umgang mit Homosexualität in der Landeskirche“.

Die Zeitung nimmt Bezug auf eine Kontroverse in der Stadt Schorndorf über Homosexualität und fragt den Bischof: „Die Positionen zu Homosexualität und Kirche sind denkbar unterschiedlich – steht die Zerrissenheit dort für die Zerrissenheit in der Landeskirche bei diesem Thema?“

Der Bischof antwortet: „In der württembergischen Landeskirche gibt es in dieser Frage aufgrund unterschiedlicher Lesarten der Bibel unterschiedliche Einschätzungen. Mir ist wichtig, dass diese Kirche dennoch konzentriert auf die Mitte bleibt – diese ist Christus selbst und die Offenbarung in ihm. Wir wollen versuchen, davon ausgehend zu respektieren, dass wir in der Frage der Interpretation der Schrift und der Wahrnehmung von Gleichgeschlechtlichkeit nicht eins sind, aber trotzdem respektvoll miteinander umgehen. Ich bin der Meinung, dass das keine Frage ist, die die Kirche spalten darf, sondern eine, bei der wir den ehren- aber auch hauptamtlich in der Kirche tätigen homosexuellen Mitarbeitenden Respekt entgegenbringen sollten.“

Da kommen mir einige Fragen:

  1. Wenn unterschiedliche Lesarten der Bibel der Grund der Auseinandersetzung sind, geht es also doch vor allem um das Verständnis der Bibel, oder? Damit ist also für eine evangelische Kirche doch die Bekenntnisfrage berührt. Es geht nicht nur um eine eher nebensächliche Ordnungsfrage, wie immer behauptet wird
  2. Woher weiß man, dass „Christus und die Offenbarung in ihm“ die Mitte der Kirche ist, wenn nicht durch die Lesart der Bibel als Urkunde dieser Offenbarung? Haben uns nicht 200 Jahre historisch-kritische Bibelauslegung gelehrt, dass „Jesus“ zu einer beliebig füllbaren Leerformel wird, wenn die Bibel nicht als Gottes Wort anerkannt wird?
  3. Was heißt „respektvoll miteinander umgehen“? Ist das nicht selbstverständlich, auch wenn man Forderungen der Andersdenkenden ablehnt? Oder ist der Umgang nur dann respektvoll, wenn man der Meinung und Forderung Andersdenkender zustimmt oder sie wenigstens ohne Widerspruch hinnimmt?
  4. Welches Verhalten würde als hinreichend respektvoll angesehen? Und wer entscheidet, was respektvoll ist und was nicht? Die Kirchenleitung? Die Presse? Die Betroffenen? Hier einige Möglichkeiten in Frageform:
    1. Gemeindeglieder schweigen, auch wenn sie gottesdienstliche Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare für schriftwidrig halten, damit es keinen Streit in der Gemeinde gibt? Ist damit die Einheit der Kirche gewahrt oder nur die Ruhe?
    2. Pfarrer beugen sich den neuen Vorschriften, auch wenn sie sich eigentlich in ihrem Gewissen an das Wort Gottes gebunden fühlen, und erfüllen die Wünsche gleichgeschlechtlicher Paare auf gottesdienstliche Segnung?
    3. Pfarrer widersprechen den neuen Vorschriften nicht öffentlich, um Streit in ihrer Gemeinde zu vermeiden? Sie nehmen ihr Recht auf Verweigerung einer gottesdienstlichen Segnung zwar wahr, suchen aber – möglichst ohne öffentliches Aufsehen zu erregen – über den Dekan die Lösung, dass ein Kollege die Segnung durchführt.
    4. Was soll ein Pfarrer machen, wenn er sich so vorsichtig verhält, das betroffene Paar sich aber trotzdem nicht respektiert, sondern verletzt fühlt   und seine Enttäuschung durch die Presse öffentlich macht oder durch Bekannte öffentlich machen lässt? Geht es in all den genannten Situationen nicht eher um die Ruhe für alle Beteiligten als um die Einheit?
    5. Muss in der evangelischen Kirche nicht Thema sein, dass die Gemeindeglieder und Pfarrer, die in ihrem Gewissen an Gottes Wort gebunden handeln und auch Widerstand riskieren, respektvoll behandelt werden? Ist es Respekt, wenn sie wie von Bischof July in dem erwähnten Interview folgendermaßen einsortiert werden: „Im Grundsatz ist klar, es gibt zwei Auffassungen – eine sehr wörtliche Übernahme bestimmter Bibelstellen und eine Interpretation der Bibelstellen aus der Mitte der Schrift heraus.“ Ist nicht eine so verzerrte Darstellung respektlos?

Man muss wohl fragen, ob die evangelischen Kirchen – nicht nur die württembergische – in grundlegenden Fragen des christlichen Glaubens längst gespalten sind und vor allem durch bestens finanzierte Organisation zusammengehalten werden?