Hilfreiche Hinweise und Argumente, die nicht überzeugen

19.02.2021   

Der Arzt und Psychotherapeut Wolfram Soldan, Kitzingen, hat eine konstruktive Kritik an Martin Grabes Buch „Homosexualität und christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama“ (Francke 2020) geschrieben. Wolfram Soldan arbeitet an der IGNIS-Akademie in Kitzingen www.ignis.de. Wir begrüßen die sorgfältige Untersuchung und die klärenden Ergebnisse.

Ulrich Parzany


I. Einleitung

Es ist Martin Grabe zu danken, das Thema auf einer neuen und sehr wichtigen Ebene zu fokussieren: Statt erneut bekannte Argumente beider Seiten in den Ring zu werfen, fokussiert Martin Grabe auf die Frage persönlicher Motive und der daraus folgenden Beziehungsdynamik von Menschen und speziell Christen, die in der Frage Homosexualität unterschiedliche Haltungen oder Positionen vertreten bzw. unterschiedlich betroffen sind. Das finde ich sehr wertvoll und es erinnert mich an das Vorgehen von Markus Till, der in seinem Buch ‚Zeit des Umbruchs‘ ähnlich vorgeht, nur mit der breiteren Thematik Beziehung zwischen ‚Evangelikalen und ‚Postevangelikalen‘ und der dabei auch inhaltlich zum Teil zu anderen Schlüssen kommt.

Als Arzt und Psychotherapeut mit tiefenpsychologischer Ausbildung, kenne ich wie Martin Grabe aus der Praxis das besagte Beziehungsdrama und ich teile ausdrücklich sein Herzensanliegen, dass homosexuell Empfindende sich in der frommen Welt willkommen fühlen und eine Heimat finden können. Ich teile auch seine Einschätzung, dass dies bisher zu selten der Fall ist.

Sehr wichtig finde ich auch seine Kritik, dass die Kirche inklusive der Evangelikalen dazu tendieren, dem Zeitgeist verzögert hinterher zu laufen, statt von der Bibel her eigene Akzente einzubringen. Ich halte das für ein schwerpunktmäßig neuzeitliches Phänomen, nicht wie Herr Grabe für eine Tendenz der gesamten Kirchengeschichte; aber das führt hier zu weit.

Ich kenne wenig Bücher zum Thema, die nicht typischerweise wichtige Aspekte einfach weglassen, um damit die Argumentation für die eigene Meinung zu erleichtern. Auch hier ist es beachtlich, dass Martin Grabe meines Erachtens alle wichtigen Aspekte zur Sprache bringt.

Die wichtigsten Aspekte seien hier kurz aufgeführt:

  1. Die biblisch theologische Frage ist für betroffene Christen oft existenziell wichtiger als die humanwissenschaftliche.
  2. Eine besondere Rolle spielt hier die Frage, ob es eine Schöpfungsordnung im Bereich des geschlechtlichen Zusammenlebens gibt und in welcher Form (oder welchen Formen) diese in einer gefallenen Schöpfung umgesetzt werden sollen und können.
  3. Die (oft unbewussten) Motive und Beziehungserfahrungen, insbesondere bestimmte Ängste, beeinflussen stark die Auswahl und Gewichtung von Argumenten.
  4. Die Frage der Annahme (oder Nichtannahme bzw. Abwehr) von homosexuellen Empfindungen als (gottgegebener?) Teil von mir bestimmt wesentlich die Dynamik.
  5. Dabei spielt auch die Frage eine Rolle, ob substanzielle Änderungen sexueller Neigungen möglich oder wahrscheinlich sind.
  6. Die Frage, ob ein zölibatärer Lebensstil zumutbar oder nur Ausgewählten (die das Charisma dafür haben) möglich ist, ist zentral, um einen guten Umgang unter Christen mit dieser Thematik zu finden.

Insbesondere diese sechs Themen bestimmen den Verlauf des Beziehungsdramas, von dem Martin Grabe spricht. Ein Beziehungsdrama ändert sich manchmal verblüffend, sobald bestimmte Stellschrauben wichtiger Themen nur ein wenig anders eingestellt werden. Gerade weil ich dem Grundanliegen des Autors, einen Raum der Annahme für homosexuell Empfindende in unseren evangelikalen Gemeinden zu schaffen, zu 100% zustimme, hege ich die Sorge, dass manche von Martin Grabes inhaltlichen Schlüssen, fragwürdig und diesem Ziel nicht wirklich dienlich sind. Wenn ich bei den besagten sechs wichtigen Themen an ein paar Stellen inhaltlich zu einer anderen Einschätzung komme (also Stellschrauben anders einstelle), ändern sich sofort wichtige Schlussfolgerungen, ohne dass das zentrale Ziel aufgegeben werden muss. Wenn Leser andererseits den Eindruck gewinnen, dass bestimmte Vorannahmen und Einseitigkeiten in das Buch eher implizit als explizit einfließen, könnte das zu einer Ablehnung des gesamten Inhaltes führen, was schade wäre. Ich möchte versuchen wichtige Stellschrauben bewusst zu machen, ganz im Sinne von Martin Grabes Wunsch nach einem offenen konstruktiven Dialog zu dieser Thematik.

Jeder Leser kann dann besser für sich entscheiden, wie und warum er sich zu den strittigen ‚Stellschrauben‘ stellen will und vielleicht nebenbei auch sein Gegenüber mit abweichender Überzeugung besser verstehen.

Im Folgenden werde ich deshalb für jedes der sechs Aspekte ein bis zwei wichtige Stellschrauben offenlegen, die meines Erachtens in Martin Grabes Buch unterbelichtet wurden, die aber wesentlich sind, für das inhaltliche Ergebnis des jeweiligen Aspektes (die Aspekte kennzeichne ich mit den schon verwendeten Kleinbuchstaben, die Stellschrauben mit Zahlen, die ich durchnummeriere):

II. Überblick über Aspekte und Stellschrauben:

a) Die biblisch theologische Frage:

Stellschraube 1: Was war/ist mit Homosexualität gemeint?

Stellschraube 2: Was bedeuten die Begriffe?

b) Schöpfungsordnung:

Stellschraube 3: Welche Stellen tragen normativen Charakter (‚Schöpfungsordnung‘)?

Stellschraube 4: Wie stark und exklusiv normativ ist die Schöpfungsordnung gemeint?

c) Beziehungserfahrungen und (unbewusste) Motive beeinflussen die Argumentation:

Stellschraube 5: Was bedeutet Homophobie und wann liegt sie vor?

Stellschraube 6: Zeitgeistbedingt?

d) Annahme homosexueller Empfindungen als gottgegeben

Stellschraube 7: Wie weit sind Annahme und moralisches Gutheißen identisch?

e) Änderungen von sexuellen Neigungen

Stellschraube 8: Möglichkeit von Änderung und deren Stellenwert?

f) Zölibatärer (sexuell enthaltsamer) Lebensstil

Stellschraube 9 Enthaltsamkeit: Wie weit Gabe Gottes, wie weit meine Entscheidung?

III. Argumentation

Zu a) Die biblisch theologische Frage:

Stellschraube 1: Was war/ist mit Homosexualität gemeint?
Paulus habe in den besagten Stellen zur Homosexualität liebevolle homosexuelle Partnerschaften gar nicht gemeint haben können, da diese in der damaligen Kultur völlig unbekannt waren. In der antiken Literatur finden sich aber zahlreiche Hinweise auf liebevolle homosexuelle Beziehungen (z.B. homoerotische Liebesgedichte) sowie auch die Thematisierung einer homosexuellen Neigung inklusive ihrer denkbaren Ursachen. Die ethische Bewertung ist in unterschiedlichen Quellen und bzgl. verschiedener Formen sehr variabel. Die Behauptung, der hochgebildete und belesene Paulus hätte bei der Abfassung seiner Briefe das Phänomen „homosexuelle Neigung und liebevolle Beziehung“ gar nicht im Blick haben können, ist zumindest höchst fragwürdig, was auch bei den von Martin Grabe erwähnten Fachtreffen innerhalb der Evangelischen Allianz ausführlich und kontrovers zur Sprache kam. Kannte Paulus diese Phänomene und die Literatur seiner Zeit dazu, hätte er sie folglich absichtlich außer Acht gelassen, weil sie ihm für die ethische Bewertung homosexueller Praktiken unerheblich schienen. Martin Grabes Bewertung der paulinischen Stellen zu diesem Thema hängt stark von der eben sehr strittigen Prämisse ab, dass Paulus nie auch nur an liebevolle aus Neigung entstehende homosexuelle Beziehungen denken konnte. Martin Grabes These, dass Paulus in Römer 1 lediglich römische homosexuelle Überschusspraktiken ansonsten heterosexueller Menschen gemeint habe(n könne) und nicht generell homosexuellen Sex unabhängig von der Situation (und somit auch in einer homosexuellen Liebesbeziehung) wäre stichhaltig, wenn homesexuelle Liebesbeziehungen tatsächlich in der damaligen Kultur kein Thema waren. Dagegen sprechen aber eben antike Quellentexte die homosexuelle Verliebtheit und den Wunsch nach und die Realität dauerhafter Beziehungen thematisieren (vgl. z.B. https://www.mariowahnschaffe.de/blog/einzelpredigten/prof-dr-siegfried-zimmer-und-die-schwule-frage)

Stellschraube 2: Was bedeuten die Begriffe?
In zwei Stellen (1. Tim 1 und 1. Kor 6) werden laut Grabe Knabenschänder und Lustknaben in eine Reihe mit anderen eindeutigen handfesten Sündern gestellt. Dankenswerterweise geht Martin Grabe zumindest darauf ein, dass diese Begriffe auch anders übersetzt werden können: Arsenokoitai sind wörtlich übersetzt ‚Männerbeschläfer‘ und Malakoi wörtlich ‚Weichlinge‘. In den besagten Fachsymposien erschien mir die Argumentation, dass damit allgemein homosexuellen Sex Praktizierende in aktiver und passiver Stellung gemeint seien wesentlich einleuchtender als die Argumente für die Übersetzung Knabenschänder und Lustknaben. Wenn damit Knabenschänder und Lustknaben gemeint sind, also dahinter ein ausbeuterischer Prostitutionskontext liegt, ist es unmittelbar einleuchtend, dass diese Stellen tatsächlich, wie Grabe behauptet, keine Aussage über Homosexualität (wie wir sie heute verstehen) machen. Bezeichnen sie jedoch allgemein Praktizierende von homosexuellem Sex in den damals typischerweise unterschiedenen zwei Varianten, sehen die Auslegungsvoraussetzungen völlig anders aus. Es müsste dann davon ausgegangen werden, dass homosexueller Sex als solcher in diesen Stellen als Sünde bezeichnet wird, passend zur durchgehenden biblischen Linie, gottwohlgefälligen Sex mit der Ehe zu verbinden.[1]

Zu b) Schöpfungsordnung:

Stellschraube 3: Welche Stellen tragen normativen Charakter (‚Schöpfungsordnung‘)?
Die Schöpfungsgeschichte der Bibel kann grundsätzlich einfach als Bericht oder auch als Erzählung verstanden werden. Es liegt zwar durchaus nahe, gerade aufgrund des Schöpfungshandelns Gottes und des wiederholten „es war gut“ im Text auch eine Norm oder gute Ordnung zu sehen, ist aber nicht zwingend und wird in letzter Zeit auch bis hinein in (post)evangelikale Kreise bezweifelt. Auffallend ist dabei für mich die Auslassung oder Unterbelichtung einer wichtigen neutestamentlichen Bibelstelle, nämlich Mt 19: Pharisäer versuchen Jesus mit einer ethisch normativen Frage, nach dem Erlaubtsein von Scheidung (im damaligen Kontext Entlassung der Ehefrau) und Jesus antwortet mit der Schöpfungserzählung und leitet daraus ab („deshalb“), dass Gott von Anfang an die unauflösliche Ehe zwischen einem Mann und einer Frau („die zwei“) im Sinn hatte. Scheidung akzeptiert er dabei als Realität, die auch im mosaischen Gesetz geregelt wurde, aber nur „um eurer Herzens Härtigkeit willen“, also als Notregelung der gefallenen Schöpfung und nicht als Absicht Gottes. Als selbst seine Jünger über diese Stringenz entsetzt sind und sagen, dass es dann ja besser sei, gar nicht zu heiraten um nicht die Sünde der Scheidung zu riskieren, weist Jesus sie auf einen besseren Grund hin, sich für ein eheloses (sprachlich hier auch eindeutig ohne Sex zu verstehendes) Leben zu entscheiden, nämlich um des Reiches Gottes willen. Damit führt Jesus eheloses Leben als eine zweite Möglichkeit gottgefälligen Umgangs mit der Sexualität ein neben der Ehe (ein in dieser Form neuer Gedanke im Judentum). Jesus selbst interpretiert hier also den Schöpfungsbericht als Abbild einer normativen Ordnung, was ein gewichtiges theologische Argument für „Schöpfungsordnung“ darstellt. Martin Grabe versteht die positive Thematisierung der Ehelosigkeit bei Paulus als Aufbrechen der Schöpfungsordnung. Man könnte dies aber auch genau umgekehrt als Bestätigung dieser Ordnung verstehen, da ja gerade Paulus (Eph5,21ff aber schon das AT z.B. in Hosea) eine Parallele zwischen der Gott-Mensch-Beziehung und der Mann-Frau-Beziehung in der Ehe sieht und daraus wiederum eine gewisse Konkurrenzgefahr zwischen dem Sorgen um den Partner und dem Sorgen um das Reich Gottes ableitet (1Kor7,32ff). So wäre dann das ehelose Leben um Gottes willen eine Zuspitzung – kein Aufbrechen – der Schöpfungsordnung: Entweder ich lebe als Abbild Gottes in der Ehe auch ein Abbild oder Nachbild der Liebebeziehung Gott-Mensch oder ich konzentriere alle meine Liebeskräfte auf den Abbildursprung Gott. Beides weist auf dieselbe Ordnung der Liebe (Kurzdefinition: Exklusive treue Zweierbeziehung zweier geheimnisvoll verschiedener Gegenüber, bei gleichzeitig abbildhafter Ähnlichkeit) hin und zwar auf sich ergänzende Weise: Ehe als die Gott-Mensch-Beziehung nachbildende (‚inkarnierende‘) Gemeinschaft und zölibatäres Leben als ausschließliche Konzentration auf die Originalbeziehung.
Martin Grabe verweist auch auf Durchbrechungen dieser Ordnung schon im Alten Testament bei sonst vorbildlichen Menschen z.B. durch die Vielehe (z.B. Abraham und David). Das sehe ich als klassisches Herauslesen normativer Botschaften aus einem deskriptiven Text ohne Anhalt im Text: Nirgends wird im AT die Vielehe als gut hingestellt, sie wird einfach als Gegebenheit hingenommen und erzählt. In den meisten Geschichten darüber sind sogar genug negative Pointen (Eifersucht, Verführung zum Götzendienst, etc.) enthalten, dass man eher eine negative als eine positive Konnotation ableiten könnte. Außerdem wird ebenso kommentarlos (!) von Abraham berichtet (1Mos12,11-13 & 20,2&13), dass er seine Frau wiederholt zum Lügen verleitete, um sich selbst vor Gefahr zu retten, sie dabei aber in Gefahr brachte. Ich denke, es war praktisch jedem Leser zu jeder Zeit klar, dass dies kein vorbildliches, sondern ein sündhaftes Verhalten war. Ohne speziellen Grund (wie in der Schöpfungserzählung spätestens durch Jesu Auslegung) kann eben nie aus einer bloßen Beschreibung oder Erzählung eine Norm abgeleitet werden. Die Frage des Stellenwertes einer (normativen) Schöpfungsordnung beeinflusst wesentlich die (ethische) Bewertung (ausgelebter) Homosexualität.

Stellschraube 4: Wie stark und exklusiv normativ ist die Schöpfungsordnung gemeint?
Das in meinen Augen stärkste Argument für ein göttliches Ja zu einer homosexuell ausgelebten Partnerschaft bringt Martin Grabe gar nicht vor. Aufgrund seiner Wichtigkeit möchte ich es aber hier behandeln: Manche Christen, die in homosexueller Partnerschaft leben und glauben, dass Gott dazu Ja sage, befürworten ausdrücklich die Schöpfungsordnung einer Mann-Frau-Ehe und können auch zugestehen, dass sie diese Ordnung nicht voll leben können. Sie sagen dann aber: Wir leben doch das einer Ehe ähnlichste uns mögliche Lebensmodell. Man hat dies als ‚inklusivisches‘ Verständnis der Schöpfungsordnung bezeichnet, vielleicht analog zur Vielehe, die Gott ja im Alten Testament nicht verboten hatte, sondern quasi als „Annäherung ans Ideal“ als Möglichkeit eingeschlossen hatte. So sehr ich dieses inkludierende Verständnis aus der Sicht Betroffener nachvollziehen kann, so wenig kann ich dafür Anhalte in der Bibel finden: Die im alttestamentlichen Umfeld auch in der Bibel geduldete Ehe eines Mannes mit mehreren Frauen wurde von Jesus offensichtlich als nicht dem ursprünglichen Willen Gottes entsprechend angesehen (s.o. Mt 19), was auch überall von Anfang an im christlichen Umfeld so verstanden wurde, so dass sogar noch in den meisten postchristlichen Staaten die Ehe auf zwei Partner beschränkt bleibt und Mehrehe verboten ist. Jesus hat also das damals „inklusivere“ Verständnis von Ehe (Mehrehe einschließend) nicht etwas erweitert sondern eingeschränkt und sogar die Möglichkeit (mittels Scheidung) mehrere Ehen hintereinander zu führen so stark begrenzt („außer bei Ehebruch“), dass die Jünger entsetzt darüber waren (Mt19:10: „… dann ist es besser gar nicht zu heiraten!“). Für eine gottgewollte Ausweitung (Inklusion) auf eine homosexuelle Verbindung gibt es nicht den geringsten Hinweis in der Bibel und wie von Exegeten jeglicher Richtung unstrittig festgestellt, kommt eben homosexuelles Verhalten an sämtlichen in der Bibel erwähnten Stellen ausnahmslos nur in negativem Licht (als Sünde) vor, was die Vorstellung, dass Gott die Ehe auch für homosexuelle Beziehungen öffnen wollte/will, nicht gerade unterstützt.

Zu c) Beziehungserfahrungen und (unbewusste) Motive beeinflussen die Argumentation:

Stellschraube 5: Was bedeutet Homophobie und wann liegt sie vor?
Dass es Homophobie, als mehr oder weniger unbewusste Angst vor dem Fremden und auch als Angst vor eigenen verdrängten (homosexuellen) Impulsen gibt und dass dies bei der Behandlung des Themas eine Rolle spielt, hat Martin Grabe gut herausgearbeitet und ich stimme dem zu. Es gerät aber in der Hand des Tiefenpsychologen Grabe etwas zum unwiderlegbaren Zirkelschlussargument: Zwar darf das Thema nicht unterschlagen werden. Es eignet sich aber leider als Totschlagsargument, gegen das man sich kaum wehren kann: „Wenn Du sagst, dass Deine Argumentation nicht von Homophobie geprägt ist, verdrängst Du Deine Homophobie bestimmt.“ Das sagt Martin Grabe so nicht, erweckt aber z.B. auf S.16 den Eindruck, dass Homophobie ein weiterbreitetes Phänomen „kollektiver neurotischer Abwehr homoerotischer Anteileder eigenen Psyche“ sei. Die von ihm hier angesprochene weiterhin vorhandene unterschwellige Diskriminierung lässt sich sowohl durch einen unbewussten Verdrängungsmechanismus als auch durch die jedem Menschen eigene Scheu vor Fremdem erklären. Dass Martin Grabe außerdem den Eindruck erweckt, es gäbe kaum wirkliche oder höchstens dünne theologische Argumente für den Standpunkt, dass homosexueller Sex Sünde sei, verstärkt diese Tendenz: „Dann kann es ja letztlich nur an Homophobie liegen, wenn …“ Es ist nicht unbedingt hilfreich, bei der Mehrheit derer, die in Homosexualität auch Kritisches wahrnehmen, gleich an verdrängte Homosexualität und Homophobie zu denken. Das fördert auch nicht den von Grabe ausdrücklich gewünschten sachlichen wertschätzenden Diskurs.

Stellschraube 6: Zeitgeistbedingt?
Auch hier möchte ich dem Autor zuerst danken, dass er auf den wichtigen Aspekt hingewiesen hat, dass die Kirche viel zu oft dem kulturellen Zeitgeist hinterherrennt, statt eigene aus der Bibel und dem Glauben herausgearbeitete Standpunkte zu vertreten. Allerdings setzt sich sein eigener Standpunkt, dass homosexuelle Neigung eine vorgegebene Charaktereigenschaft sei, die auch noch gottgeschaffen und von Gott als richtig angesehen wird (S.59: „Er findet es richtig, dass ich so bin, wie ich bin.“) genau diesem Vorwurf aus (zur Unterscheindung von Annahme und Gutheißen siehe Stellschraube 7). Übrigens werfen Theologen der östlich orthodoxen Tradition und solche aus Asien und Afrika oft genau dies unserer westlichen Theologie vor: Sie sei in Fragen der Ehe- und Sexualethik nicht mehr am Glauben und der Bibel orientiert, sondern trage unreflektiert humanistisch individualistischen Zeitgeist in die Gemeinde hinein und setze sogar die nichtwestlichen Kirchen teilweise neokolonialistisch unter Druck, dies zu übernehmen. Martin Grabe geht immerhin kurz auf die Bezeichnung von Homosexualität als etwas Unnatürlichem in Röm 1 ein, um dies dann mit einer für unsere humanistisch individualistische Kultur typischen Argumentation zu entkräften: Was in mir vorfindlich ist, ist auch normal und natürlich, weil es eben da ist. Es gibt gute (biologische und psychologische) Argumente, dass nicht nur – wie Grabe herausstellt – die massive Pathologisierung und vor allem Kriminalisierung von Homosexualität zeitgeistbedingt war (und in manchen Ländern noch ist) sondern wir inzwischen postmodern zeitgeistbedingt auf der anderen Seite des Pferdes heruntergefallen sind: Neben der Homosexualität wird inzwischen mehr oder weniger alles im sexuellen Bereich, was früher als pathologisch angesehen wurde, jetzt „normalisiert“ (einziger Gegentrend: Pädophilie). Wenn es für den früheren Zeitgeist tabu oder zumindest gefährlich war, irgendetwas an Homosexualität zu verteidigen ist es für den heutigen Zeitgeist tabu und gefährlich, irgendetwas daran kritisch zu betrachten. Ein konstruktiver, ergebnisoffener und kontroverser wissenschaftlicher Diskurs über Fragen der Einordnung und Veränderbarkeit von Homosexualität war in den 1980er und 90er Jahren noch üblich. Heute haben wir hierzu ein Zeitgeisttabu, wie bis ungefähr zu den 1960er Jahren, nur in umgekehrter Richtung. Ist also die durchgehend kritische pathologisierende Haltung gegen Homosexualität (bis ca. 1960) oder die neue durchgehend affirmative Haltung dazu mehr zeitgeistbedingt als sachlich begründet? Oder Beides? Ich denke tatsächlich: Beides! Eine sachgerechte Behandlung würde hier eine differenzierte und auch kontroverse wissenschaftliche Debatte zulassen (die m.E. am ehesten in den 1980er als Zwischenphase gegeben war, in der viel kontroverser als vorher und nachher publiziert wurde).

Zu d) Annahme homosexueller Empfindungen als gottgegeben?

Stellschraube 7: Wie weit sind Annahme und moralisches Gutheißen identisch?
Hier kommt es bei Martin Grabe meines Erachtens zu einer problematischen Vermischung von Argumentationsebenen: Ich stimme uneingeschränkt zu, dass ein konstruktiver Umgang mit homosexuellen Empfindungen voraussetzt, dass ich diese Empfindungen als Teil von mir akzeptiere (Annahme). Ein Nichtannehmen führt zu destruktiven Dynamiken entweder in Richtung Selbstverurteilung und/oder in Richtung oberflächlicher Veränderungsbemühungen mit Bumerangwirkung.
Martin Grabe geht dankenswerterweise auf das Phänomen der gefallen Schöpfung ein, ein durch und durch biblisches Konzept, das nicht gut zum aktuellen Zeitgeist passt. Von dort aus kommt er aber zu einem für mich nicht nachvollziehbaren Schluss: Wenn wir nun einmal nicht mehr in einer idealen Welt leben, ist das, was wir in ihr und in uns vorfinden eben gottgewollt und damit nicht nur zu akzeptieren, sondern weil von Gott so gewollt sogar gutzuheißen. Ich will anhand zweier Beispiele zeigen wie irreführend diese Argumentationsvermischung ist: Die Anonymen Alkoholiker haben gerade deshalb so viel Erfolg, weil sie das offene Akzeptieren ihrer Alkoholsucht („Ich heiße … und bin ein Alkoholiker.“) mit der gemeinsamen Bekämpfung der Suchtfolgen (Alkoholkonsum) verbinden. Eine Gleichsetzung von „Ich nehme die Realität an.“ mit „Ich heiße sie für gut und gottgewollt“, wäre hier ersichtlich absurd. Nun hinkt der Vergleich natürlich, da kaum jemand Alkoholismus als vorfindliches Persönlichkeitsmerkmal ansieht: Also denke man an einen Menschen, der sich Zeit seines Lebens erotisch zu Kindern hingezogen fühlt. In der sogenannten sexuellen Befreiung der Achtundsechzigerbewegung war es gängig, auch „einvernehmlichen“ Sex zwischen Erwachsenen und Kindern zu propagieren, wie jetzt noch in manchen Pädophilennetzwerken, was wir heute wieder zu Recht ablehnen. Auch ein pädophil empfindender Mensch steht aber in der Herausforderung seine eigene Neigung zu akzeptieren, gleichzeitig aber den Impulsen, sie auszuleben zu widerstehen. Ob es hilfreich für den Betroffenen ist, seine Neigung als Ganzes auch „für gut zu halten“, darf mit Recht bezweifelt werden. „Annahme“ ist hier also eindeutig ungleich „Für-gut-halten“, ein Standpunkt, der immer gesellschaftlicher Konsens war, mit einer Unterbrechung von einigen Jahren unter dem Einfluss einer übersteigerten Ideologie der „sexuellen Befreiung“. In diesem Zusammenhang karikiert meines Erachtens Martin Grabe auch Bewegungen, die als Christen das Ausleben ihrer Homosexualität ablehnen und versteht sie nicht wirklich: Die Personen, die ich aus diesen Kreisen kennengelernt haben akzeptieren ihre homosexuelle Neigung als (Auf)Gabe und Herausforderung und sind nicht (mehr) auf Veränderung fixiert. Sie empfinden ihre Neigung aber eben auch nicht als endgültige gutzuheißende Gegebenheit. Sie gehen also mit ihrer Vorfindlichkeit so um wie die viel größere Gruppe von Christen mit bisexueller Neigung, die als Unverheiratete auf Sex verzichten und als Verheiratete darauf, ihre homosexuelle Seite auszuleben. Ebenso leben es Christen, die sich als „nicht monogam empfindend“ erleben und sich wünschen, Beziehungen mit mehreren Partnern haben zu können, darauf aber aufgrund christlicher Überzeugungen verzichten. Zusammengefasst: Es gibt Vieles im Leben, was wir anzunehmen lernen ohne es (moralisch) uneingeschränkt gutzuheißen. Es gibt Vieles in der gefallenen Schöpfung, was Gott zulässt aber nicht gutheißt. Es gibt Vieles in meiner Sexualität, mit dem ich mich auseinandergesetzt habe und dass ich als zu mir gehörig akzeptiere. Nicht alles davon sehe ich aber deshalb automatisch als „natürlich“ an oder lebe es aus. Bei den Männern, die mit sexuellen Fragestellungen zu mir in Therapie kommen, kommt es häufig vor, dass sie ihr „sexuelles Sosein“ erst mal ablehnen. Ich erlebe (und fördere) aber praktisch immer eine Zunahme an Selbstakzeptanz auch ihren speziellen sexuellen Neigungen und Vorlieben gegenüber, aber eben auch eine Zunahme an Kompetenz, deren geistliche Bedeutung für ihren Entwicklungsweg zu begreifen, was zu Verzicht oder auch zum Anstreben des Auslebens solcher Neigungen führen kann. Fazit: Annahme / Akzeptanz einerseits und ethisches Gutheißen andererseits sind zwei zumindest teilweise unabhängige Variablen, die nicht automatisch gleichgesetzt werden dürfen.

Zu e) Änderungen von sexuellen Neigungen

Stellschraube 8: Möglichkeit von Änderung und deren Stellenwert?
Während Martin Grabe vorbildlich ausgewogen den Wissenstand um die Ursachenfrage wiedergibt (multifaktoriell und insgesamt noch Vieles ungeklärt), nimmt er meines Erachtens passend zum aktuellen Zeitgeist weitgehend negativ zur Frage der Veränderbarkeit Stellung. Da ich mit Martin Grabe einig bin, dass Homosexualität oft ein tief in der Persönlichkeit verankertes Merkmal ist, ist zu erwarten, dass direktere verhaltenstherapeutische Interventionen sowie andere oberflächliche Veränderungsbemühungen nichts nachhaltig Positives sondern eher Schaden bewirken. Martin Grabe redet davon, dass Änderungen, wenn, dann häufiger in homosexuelle Richtung stattfinden. Dabei liegt aber eine Begriffsverwirrung vor: Er spricht hier von Menschen, die ihre Homosexualität (aus Angst z.B. vor Ablehnung oder selbstablehnend) verdrängt oder verleugnet haben. Er vermischt also hier das Phänomen „Coming-out“ mit dem von Veränderung. Da Homosexualität nicht mehr als Störung gilt und deshalb auch nicht mehr als solche behandelt wird, sind neuere Studien bzgl. echter Veränderung ausgesprochen erschwert. Die bisherigen älteren Studien zeigen, dass substanzielle von Betroffenen erwünschte Änderungen von Homosexualität in Richtung Heterosexualität durchaus vorkommen (in einer Größenordnung von 30%[2]). Das gilt aber gerade für Vorgehensweisen, die nicht direkt eine Orientierungsänderung anstreben, sondern eine ganzheitliche Persönlichkeitsweiterentwicklung. Grundsätzlich ist die empirische Untersuchung der Veränderbarkeit so komplexer Persönlichkeitsmerkmale methodisch schwierig, aufwendig und unsicher, was auszuführen hier zu weit führen würde. Jedenfalls halte ich die nun ins Gesetz geschriebene Behauptung zur Konversionstherapie, dass solche Änderungen praktisch nicht möglich sind genauso für unwissenschaftlich, wie optimistische Behauptungen in manchen christlichen Kreisen, dass eine solche Änderung den Meisten möglich wäre. Wir sollten uns hier mit festlegenden Aussagen sehr zurückhalten. Menschliche Sexualität ist ein hochkomplexes Phänomen, das sich während unseres ganzen Lebens weiterentwickelt und von dem wir Vieles noch nicht verstehen. Ihr Wesen ist meines Erachtens weniger ein festlegender Trieb als eine Kraft die mich auf einen Lebensweg bringt oder in einen Prozess führt. Jeder von uns darf und soll meines Erachtens von Gott her seine Sexualität zu mehr Liebe, Treue und ganzheitlicher Fruchtbarkeit weiterentwickeln, wobei das Merkmal „homosexuell“ oder „heterosexuell“ viel zu grobschlächtig und statisch ist, um als gesunde Identifikationsorientierung für diesen Weg zu dienen. Grundsätzlich gibt es in unserem Leben viele Persönlichkeitsmerkmale, die wir nicht für optimal halten, an deren Änderung oder Weiterentwicklung wir arbeiten und die wir gleichzeitig dauerhaft oder für längere Zeit zu akzeptieren lernen. Sofern solche Persönlichkeitsmerkmale mich zu einem Verhalten verführen, dass ich von der Bibel her als Sünde ansehe, liegt es in meiner Verantwortung, dieses sündhafte Verhalten zu überwinden. Wenn ich mich als homosexuell empfindend wahrnehme, darf ich das durchaus als Gabe sehen, die Gott mir zur Aufgabe gemacht hat, um daraus das Beste zu machen. Ob das Beste eine homosexuelle Partnerschaft ist oder ein zölibatärer Lebensweg, dass entscheidet sich in meiner vertrauenden Unterordnung unter Gottes Wort, wie ich es zu diesem Thema verstehe. Homosexuelle Neigung als (Auf-)Gabe anzunehmen ist nicht logisch verknüpft mit dem Weg des Auslebens in einer sexuellen Beziehung.

Zu f) Zölibatärer (sexuell enthaltsamer) Lebensstil

Stellschraube 9 Enthaltsamkeit: Wie weit Gabe Gottes, wie weit meine Entscheidung?
Martin Grabe stellt zu Recht fest, dass eine Ehe nach christlichem Verständnis bereits einen Teilzölibat bedeutet, besonders in unserer Kultur, in der sexueller Verzicht eher verpönt ist. Diesen Teilzölibat erwartet Grabe auch von Christen und geht davon aus, dass er zumutbar ist. Gleichzeitig erscheint ihm ein Zölibat im Sinne vollständigen Sexverzichtes unzumutbar und nur den wenigen, denen es von Gott gegebenen ist, gesund lebbar. Er behauptet sogar, dass es Paulus klar gewesen sei, dass „die meisten Menschen die Gabe zur Ehelosigkeit nicht haben.“  Er beruft sich dabei auf 1.Kor7. Nun antwortet Paulus im besagten Kapitel auf konkrete Fragen, die die Korinther ihm gestellt haben (7,1), die uns aber nicht vorliegen. Es ist deshalb zumindest theologisch unvorsichtig, so weit reichende allgemeine Schlüsse aus diesen Versen zu ziehen (Röm 1 ist im Gegensatz dazu eine allgemeinere Aussage von Paulus in der Einleitung eines allgemein formulierten Lehrbriefes). Zweitens geht Martin Grabe offensichtlich davon aus, dass eine Gabe von Gott (hier griechisch „Charisma“) etwas ist, auf das ich keinen Einfluss habe. Paulus setzt aber in einem späteren Kapitel desselben Korintherbriefes (14,1) voraus, dass die Korinther eifrig nach Geistesgaben streben (sollen oder können). Charismen sind also nicht schicksalhaft ohne meinen Einfluss und Jesus spricht von der „Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen“ (also genau von diesem Charisma) als einer persönlichen Entscheidung (Mt19,12 „… die sich selbst verschnitten haben“). Dass also homosexuell empfindenden Christen der Verzicht auf Sex und sexuelle Partnerschaft nicht zuzumuten sei, wenn/weil ihnen diese Gabe von Gott nicht gegeben wurde, könnte nach Martin Grabes eigener Argumentation, auch für die dauerhafte monogam gelebte Ehe geltend gemacht werden („Ich habe nicht die Gabe der Monogamie“) und erst Recht für den Verzicht auf Sex vor der Ehe oder nach Verlust des Partners. Natürlich ist mir klar, dass für einen homosexuellen Christen der zölibatäre Lebensweg sofort als ‚Lebensaufgabe‘ im Raum steht (sofern sich an seiner Neigung nichts ändert), während der heterosexuelle auf eine Ehe in der Zukunft hoffen darf, außer er nimmt den lebenslangen ehelosen Weg freiwillig als Aufgabe an. Der homosexuelle Christ ist also mit einer größeren Gabe, Aufgabe, Herausforderung, Zu-Mut-ung konfrontiert.

IV. Zusammenfassung und Abschluss

Martin Grabe hat viele wirklich wichtige Fragen in seinem Buch angesprochen. Ich fasse noch einmal drei wichtige Punkte zusammen, in denen ich ihm ausdrücklich beipflichte und dann drei wichtige Punkte, in denen ich ihm nicht folgen kann:

Folgende Punkte fand ich besonders wichtig und hilfreich:

  1. Die Problematik, dass wir Christen oft dazu neigen, dem Zeitgeist hinterherzurennen. Das ist im Grunde doppelt peinlich: Erstens setzen wir dann nicht positiv eigene christliche Akzente hinein in die Gesellschaft. Zweitens übernehmen wir den Zeitgeist auch noch mit Verspätung, sind also noch nicht einmal „up to date“.
  2. Für viele Christen hat die theologische Frage eine existenziellere Bedeutung als die psychologische, weshalb eine gründliche Auseinandersetzung mit Bibel und theologischer Auslegung von besonderer Wichtigkeit ist.
  3. Grundvoraussetzung für einen konstruktiven Umgang mit sexuellen Themen wie etwas Homosexualität und auch für einen konstruktiven Dialog ist die ehrliche Auseinandersetzung mit meiner eigenen Sexualität. Dabei ist es zentral, dass ich lerne, alle vorfindlichen Aspekte meiner Sexualität als Gabe oder Aufgabe anzunehmen und mich nicht selbst (in meiner Sexualität) abzulehnen.

Besonders an folgenden Punkten, kann mich die Argumentation nicht überzeugen:

  1. Die Gleichsetzung von Annahme der eigenen Sexualität (sexuelle Neigung) mit moralischem Gutheißen des Auslebens der sexuellen Wünsche mit der Begründung: Es wäre nicht so, wenn es Gott nicht so gewollt hätte und damit durchbreche Gott seine eigene Schöpfungsordnung. Meines Erachtens sind die Akzeptanz meines Soseins und die Verantwortung, wie ich mit dem Vorfindlichen umgehe, zwei zu unterscheidende Phänomene.
  2. Die Unzumutbarkeitsthese bzgl. eines zölibatären Lebensstiles für homosexuell empfindende Christen obwohl er ja betont, dass schon die Treue in der Ehe ein Teilzölibat in unserer Zeit erfordert, den er auch von Christen als Gehorsam gegenüber Gott erwartet. Zölibat ist also offensichtlich nicht einfach eine Frage von ‚Gott hat es gegeben‘ oder ‚nicht gegeben‘, sondern wesentlich eine Frage von Entscheidung und treuem Gehorsam.
  3. Die Behauptung, die Bibel ziele in keiner ihrer relevanten kritischen Aussagen (im neuen Testament) auf homosexuellen Sex im Allgemeinen, sondern nur auf lieblos ausnutzende Sonderformen (Pädophilie, römische ‚Überschusssexualität‘) und Sex in einer liebevollen homosexuellen Partnerschaft könne somit nicht gemeint sein. Die Annahmen und Vermutungen, die diese Sicht stützen, werden m.E. durch theologische, kulturhistorische und sprachliche Argumente eher in Frage gestellt als gestützt und setzen sich ihrerseits dem Verdacht aus, eher zeitgeistbedingt als biblisch begründet zu sein.

Ich wünsche dem Buch von Martin Grabe aufmerksame Leser, die einerseits seine Anmahnung einer liebevollen Willkommenskultur für homosexuell Empfindende in unseren Gemeinden und christlichen Gemeinschaften von Herzen ernstnehmen, andererseits aber die zentrale theologische Argumentation auch abwägen und überprüfen. Dieser Text soll Kriterien für diese Prüfung bereitstellen und nimmt natürlich auch selber Stellung dazu.


[1] Genaugenommen ist es noch etwas komplizierter: Die Übersetzung mit Knabenschänder und Lustknaben setzt die bei manchen griechischen Philosophen propagierte sogenannte Ephebophilie in einen ausbeuterischen Prostitutionskontext mit Nähe zur heutigen pädophilen Kriminalität. Die besagten Philosophen sahen sie aber ausdrücklich als eine liebevolle auf Dauer angelegte verantwortliche Beziehung eines Lehrers zu seinem heranwachsenden Schüler (Ephebos = Heranwachsender), also nicht Knaben im heutigen Sinne, dessen sexuelle Komponente mit dem beginnenden Bartwuchs zugunsten einer rein ‚platonischen‘ sublimiert werden sollte. Das die Praxis diesem Ideal oft nicht entsprach und dass dieses „Ideal“ auch als Rechtfertigung für egoistische Ausbeutung diente, darf zu Recht vermutet werden (offensichtlich war die „römische Variante“ eindeutiger ausbeuterisch). Es zeigt jedoch erneut, dass die Idee einer liebevollen verantwortlichen homoerotischen Beziehung ein Thema in der damals tonangebenden griechischen Philosophie war, also Gebildeten nicht unbekannt gewesen sein dürfte.

[2] Prozentzahlen im Bereich sexueller Phänomene sind immer umstritten: Die Häufigkeitsangaben zur Homosexualität in westlichen Gesellschaften schwanken z.B. zwischen 1% und 30% (!), was sich hauptsächlich durch unterschiedliche Definitionen des Phänomens Homosexualität erklärt. Ebenso gibt es unterschiedliche Definitionen und Messmethoden bzgl. Neigungsveränderung. Daher ist natürlich meine Prozentangabe hier auch umstritten und spiegelt meine Einschätzung der Untersuchungen in Bezug auf substanzielle echte Veränderung (nicht etwa mit Hilfe von Verdrängung oder Leugnung erreichte Pseudoveränderungen) wider.